Der 58-jährige, der an einem verregneten Novemberabend an einem ihm unbekannten Ort in einen weißen Bus stieg...

herculespoirot64 Verdient den Legacy Award
So oder ähnlich fangen Weltbestseller an oder einfach eine kurze Geschichte über eine Stippvisite im Land der Maus. Also darf der geneigte Leser nicht zu viel erwarten, denn der Autor ist ja für seine kurzen, knappen, auf das Wesentliche konzentrierte Zusammenfassungen bekannt. Und was kann schon in nicht mal 15 Stunden im Land der Maus passieren? Richtig nichts, na gut, fast nichts. Darum die Erwartungen herunterschrauben und mit in den Bus steigen.

Achtung:

Ich werde in meinem Bericht, der Einfachheit halber, bei Bedarf sicher meistens auf die männliche Form zurückgreifen. Dies ist allein meiner Schusseligkeit und Bequemlichkeit geschuldet und besagt nichts zu meiner Einstellung zu dem Thema. Ich finde, dass Frauen selbstverständlich ein Recht auf Gleichbehandlung haben, nicht zuletzt im Sprachgebrauch. Aber als kleiner Trost für die Leser:innenschaft, sie werden sich nicht mit Beschimpfungen wie Deppinnen oder Idiotinnen konfrontiert sehen, denn dort werde ich bestimmt auf die gebräuchlichen Formen wie Depp und Idiot zurückgreifen. Und die sind ja durchaus männlich.

Der alte Mann stand also am Freitagabend im November im Regen auf dem Vorplatz der Bilker Arkaden in der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens und fragte sich, wie es dazu kommen konnte. Er blickte auf seine Uhr, noch 45 Minuten. Sein Blick ging zurück, Tage, Wochen, Monate. Bis in den Monat Februar. Er erinnerte sich. Nach den langen Monaten der Pandemie würde Ende des besagten Monats sein Jahrespass ablaufen. Was tun? Verlängern? Nicht beachten und auslaufen lassen? Wann würde es denn wieder ins Land der Maus gehen? Noch jetzt im Frühjahr? Oder doch erst im Sommer. Das Jubiläum stand ja an. Mit Sicherheit im November zum Weihnachtsbesuch. Aber das ist ja noch lange hin. Er dachte nach und frei nach seinem Lieblingsmotto: "Spontanität will gut überlegt sein", saß er das Problem mehr oder weniger aus. Er entschied sich zu warten, ob das Disneyland sich mit einer Mail zum Thema melden werde. Schickten sie eine Erinnerung, dann würde er verlängern, sonst nicht. Es kam keine Mail, also keine Verlängerung. War er betrübt? Nicht wirklich. War die Magie verschwunden? Der Reiz des Disneylands verblasst? Irgendwie schon...
 
MikeFink Imagineer
Danke für Deine Einleitenden Worte. Es ist auch gut das Du nicht Gendern wirst und möchtest. Schließlich geht es über Dich und Deine Reise zum Land der Maus und nicht zum Land der Mäusinnen... (oder heißt es Maus*innen? Obwohl dann die Maus innen wäre - - oder wie???) Damit möchte ich aber auch diese Diskussion für beendet erklären und freue mich weiteres lesen zu dürfen.
 
MinervaMouse Imagineer
Juhuuuuu! Monsieur Poirot, Sie haben mir gefehlt mit Ihren Berichten. Was für ein grandioser Titel! Und was für ein betrüblicher Cliffhanger...da hoffe ich doch sehr, es kommt noch genügend Feenstaub ins Spiel, um die Disney-Magie wieder aufleben zu lassen.
 
herculespoirot64 Verdient den Legacy Award
Teil 2

Da saß ich am Tisch und war halb erleichtert und halb betrübt. Geld gespart, ja sicher. Damals tat sich ja auch auf der Weltbühne einiges schreckliches. Wer wusste schon damals, wo das enden würde. Das weiß ja heute, mehr als neun Monate später, auch keiner. Die Pandemie ist ja auch noch nicht so wirklich überstanden. Es wurde März und dann April und auch Mai. Mein Sommerurlaub nahte und ich war immer noch nicht schlüssig, wie es mit meiner Beziehung zum Land der Maus weitergehen würde. Das 9-Euro-Ticket kam und ich nutzte dann lieber dieses, um mir einige Städte in Deutschland anzuschauen. Aber das war, so im Nachhinein betrachtet, auch keine Lösung. Zu wenig Kitsch, zu viele Leute, zu wenig Musik, zu viel Lärm, zu wenig Magie.
Mein Entschluss stand fest. In der Weihnachtszeit musste ich ins Land der Maus, komme was da wolle. Aber das war dann doch nicht so einfach mit mir. Sollte ich ein paar Tage fahren? Das machte ich ja immer. Aber wie fahre ich hin? Mit dem Zug? Das hatte mir beim letzten Mal gefallen, wenn es auch aufregend war. Aber je länger ich wartete, die Zugfahrten blieben teuer, die Hotelpreise stiegen und ich hatte ja auch keinen Jahrespass mehr. Vielleicht wäre eine Stippvisite angebrachter? Aber würde ich so was noch durchstehen? Keine Chance dachte ich mir und so wurde es Oktober.
Eine gute Bekannte, so wusste ich, wollte am Anfang meines Urlaubes nach Paris. Sie empfahl mir ein Busunternehmen. Ich wurde schwach und dann doch wieder nicht so richtig. Wollte ich meine kurze Reise nicht lieber allein genießen? Da stieß ich auf ein anderes Angebot. Ein Unternehmen, das am Ende meiner Novemberwoche das Land der Maus bereisen wollte. Nun, ich hatte lang genug gezögert, also gab es keinen Grund mehr, nicht zu buchen. Gesagt, getan, bezahlt.
Ein gutes Zeichen, die Freude auf die Tour, die erwartungsfrohe Spannung stieg täglich an. Immerhin hatte ich einiges vor. Es galt ja reichlich Geschenke für das Fest der Feste zu besorgen und ich wollte ja keinen enttäuschen. Am wenigsten mich selbst.
Der Tag der Abreise näherte sich, es wurde Montag, Dienstag und da kam dann die Mail, ich sollte nicht wie gewohnt am Hauptbahnhof einsteigen. Sondern etwas außerhalb der Innenstadt vor der bekannten Starlighthalle. Gut, wäre ja auch zu einfach gewesen. Also informiert, wie man da so hinkommt, mit dem ÖPNV. Sollte ja kein Problem sein. Tja, und dann kamen der Mittwoch und der Donnerstag. Noch ein Tag. Dann klingelte das Telefon.
 
herculespoirot64 Verdient den Legacy Award
Teil 3

Wer konnte das sein? Hoffentlich nichts Schlimmes. So was geht einem ja gleich durch den Kopf. Zum Glück, war es einer meiner besten und ältesten Freunde. Nach den üblichen Höflichkeiten kam er zum Grund seines Anrufes.
Er ist auch mein Partner im Bridge, schon seit über 30 Jahren. Auch wenn ich in den letzten Jahren nicht mehr regelmäßig selbst spiele und nur noch ab und zu Kurse gebe, spielen wir, wenn ich spiele, zusammen. Nun hat er vor einigen Wochen den Vorsitz über den Club übernommen, dabei versprochen bei wichtigen Gelegenheiten vor Ort zu sein, sprich zu spielen. Jetzt stand die Clubmeisterschaft an und seine Partnerin hatte kurzfristig absagen müssen. Ich hätte ja frei und ob ...
Da hatte ich den Salat. Es wäre ja alles ganz einfach, wenn er, der Club und das Turnier in Bochum oder Umgebung wären, aber nein, das ganze spielte sich ja in Mönchengladbach ab. Und natürlich dauert so ein Turnier auch und ich musste ja gegen neun wieder in Bochum sein. Und sich da auf die Bahn verlassen? Ich will hier nicht auf das ehemalige Staatsunternehmen schimpfen. Vermutlich hat hier jeder Leser eine Geschichte zu dem Thema. Ich zögerte, wir wälzten das ganze Problem hin und her und wieder hin. Aber letztlich willigte ich ein. Entweder, weil ich einfach nicht nein sagen kann oder weil ich ein guter Freund bin. Das mag dahingestellt sein. Ich würde am Freitagmorgen das Unternehmen anrufen und nachfragen, ob ich in einer anderen Stadt einsteigen könnte, die näher an meinem Spielort liegen würde. Mein Freund bot an mich näher an, wo auch immer hinzubringen, damit ich nicht zu sehr auf die Bahn angewiesen wäre. Damit konnte ich leben und auch schlafen gehen.
Natürlich würde das Wochenende dadurch noch länger und anstrengender werden. Denn eigentlich wollte ich ja den Freitag eher ruhig angehen, das war Geschichte.
Um neun saß ich am Telefon. Um 9:30 Uhr war ich schon dreimal aus der Warteschleife geschmissen worden, obwohl ich endlich ein Freizeichen und keine entnervende Musik mehr hörte. Erinnert sicher einige an die Hotline eines berühmten Freizeitparks. Schließlich erreichte ich jemanden. Es wurde aber auch Zeit, denn in nicht allzu langer Zeit würde ich zum Zug gehen müssen. Ich schilderte mein Dilemma. Müsste nach Mönchengladbach und ob ich in Düsseldorf einsteigen könnte. Nachdem ich das knapp dreimal erklärt hatte. Ich war doch nicht zufällig in einem Callcenter in Timbuktu gelandet? Nein, er könnte das nicht gleich sagen, aber ich würde bis halb zwölf einen Anruf bekommen und dann genau wissen, ob es geht. So verblieben wir.
Also meine Klamotten geschnappt und ab zum Bahnhof. Nach einem Umsteigen saß ich im richtigen Zug und wartete auf den Anruf. Es wurde 11:00 Uhr, die Zeit schlich nicht, sie kroch. Kein Anruf. 11:30 Uhr, immer noch nichts. Ich würde denen noch 15 Minuten geben, denn um 12:00 Uhr machten die das Büro dicht. Tolle Aussichten. 11:35, 11:40, 11:42 ich verlor die Nerven und meine Geduld. Ich wählte die Nummer. Siehe da, nach zwei Minuten hatte ich einen Menschen am Telefon. Auf meine Nachfragen kam erst einmal ein "Ich wollte sie gerade anrufen". Ja wer's glaubt. Ich laufe schon länger als drei Jahre um den Block. Aber gut, nur keine Diskussionen. Denn schließlich wollte ich ja was. Am Ende war es einfacher. Ich könnte in Düsseldorf einsteigen, natürlich irgendwo in der Pampas von Düsseldorf. Warum halten nur keine Reisebusse mehr an zentralen Orten? Man würde mir eine neue Buchungsbestätigung schicken und die müsse ich nur ausdrucken und die wäre dann meine gültige Fahrkarte. Also kein Problem. Hatte der Mann eine Ahnung? Wie sollte ich so kurzfristig auch noch was ausdrucken? Ich saß im Zug.
 
MadameMim1969 Rot gewordene Jahreskarten-Flüsterin
Ohje, als jemand, die in Düsseldorf Bilk arbeitet, musste ich bei dem Wort Pampas schwer schlucken. Schließlich gehört Bilk, und somit auch die Arcaden, zur Innenstadt.
 
MikeFink Imagineer
Was soll ich da als Lingener sagen? Wenn Pampa dann hier. Selbst Nordhorner meiden diese Stadt. Ein gängiger Spruch dort: "In Lingen wird man blöde". Und ich bin geneigt ihnen zuzustimmen. Vielen Dank für Deine beiden weiteren Berichte. Ich habe auch vom 9,00€ Ticket gebrauch gemacht dieser Stadt zu entkommen. Aber wirklich Freude auch nicht unbedingt erlebt. Hingegen sind Deine Berichte allerdings eine wahre Heilquelle im tristen Alltag.
 
herculespoirot64 Verdient den Legacy Award
Teil 4

Wo war ich stehen geblieben? Ach nein, ich saß ja im Zug. Ich war inzwischen in der richtigen Stimmung für ein Turnier. Müde, genervt und nervös. Tolle Aussichten auch für das weitere Wochenende. Auf dem Weg in die Pampas machte ich noch am Ende der Welt in Mönchengladbach Station. Warum nicht auch noch mit denen es verscherzen, wenn man schon mal dabei ist.
An den Nachmittag habe ich nicht viele Erinnerungen, außer dem Ärger mit einem Gegner, der mich echt auf die Palme gebracht hat. Aber ich stieg wieder herunter und dann war auch diese Geschichte erledigt. Mein Freund bestand darauf, mich nach Düsseldorf zu bringen. Ich entschied mich für eine Fahrt zum Hauptbahnhof. Das Wetter war schlecht und es wäre sicher besser in der Zivilisation einen Kaffee zu trinken, als an einem so dubiosen Ort wie, nein ich sage es nicht. Ich spazierte vorher noch über den Weihnachtsmarkt in unserer Landeshauptstadt. Man muss den Regen ja ausnutzen. Die Abfahrt sollte ja erst um 22:30 Uhr sein. Ein wenig später dann wurde sie noch mal eine Viertelstunde nach hinten verschoben. Da war ich aber schon im Zug in den bei Tageslicht sicher sonnigen Süden Düsseldorfs. Oder Westen? Egal, als ich Ausstieg war es dunkel, kalt und nass. Meine Lieblingskombination an Reisewetter. Und weil ich so ein braves Menschlein bin, würde es das sicher auch am Samstag geben. Aber so weit sind wir ja noch nicht.
Ich lungerte also vor den Arkaden herum, keine anderen Gäste in Sicht, aber das konnte ja noch kommen. Ich lief um das ganze Ding herum nichts. Irgendwann wurde ich ungeduldig und fragte in der WhatsApp-Gruppe, wo den der Bus abfahren würde. Inzwischen wartete ich schon aus Verzweiflung 10 Minuten an der Kasse in einem weltberühmten Fast-Food-Restaurant, um mir einen Kaffee zu bestellen. Nach weiteren 10 Minuten, ich war zu unauffällig, geduldig oder dämlich ging ich. Ohne Kaffee. Es regnete noch immer.
Der Bus sollte am Taxistand vor den Arkaden halten. Ich ging einmal zum hinteren Ausgang, kein Taxistand. Vorne keine Taxis, keine Schilder. Wer hat denn das nur geplant, fragte ich mich. Wenn man so ausgekühlt und nass ist, dann verrinnen die Minuten noch langsamer als am Heiligen Abend. Aber schließlich ist auch am Heiligen Abend irgendwann Zeit für die Bescherung. Und so war es auch am Freitag, die schöne Bescherung war ein weißer Bus.
 
MikeFink Imagineer
Regen, dunkles Wetter... klingt nicht nach einem belgischen, eher nach einem britischen Detektiven der in London seinen Dienst versieht. Was meinen sie, Watson? Aber wir sind in Deutschland, tief im Westen und dich treibt es noch weiter westwärts. Ob er im nächsten Teil den Sprung in den fahrenden Bus schafft? Spannung weiter garantiert. Wir warten auf mehr.
 
Malakina Imagineer Azubi
Der Herr Detektiv lässt uns aber ganz schön zappeln. Bestieg er den Bus? War es der richtige? Erreichte er ohne weitere Zwischenfälle das Land der Maus? Es bleibt spannend... o_O
 
herculespoirot64 Verdient den Legacy Award
Teil 5

Oh weh, hat aber auch wirklich lange gedauert, gefühlt Jahre bis der Bus kam. Und welch ein Glück. Es war der Bus, der mich ins Land der Maus bringen sollte. Also kein Umsteigen in Aachen. Das war noch mehr Pampas als Oberbilk. Ich bekam gleich meinen Platz zugewiesen. Machte es mir bequem und schloss gleich die Augen. An Schlaf war nicht zu denken. Irgendwas an Busfahrten muss die Leute zum Essen und Trinken und Quaken anregen. War nichts mit der Ruhe. Ich hoffte einfach auf eine spätere Stunde und das Erlahmen der Mundwerkzeuge und austrocknen der Vorräte.
Wir kamen zwar später los, aber ganz gut voran. In Aachen mussten wir dann auf einen Bus mit Fahrgästen aus Mönchengladbach warten.
Der aufmerksame Leser wird sagen. Halt, Mönchengladbach, da war doch was? Oh ja, da war was. Ich hatte ja noch einen wichtigen Termin in Mönchengladbach und konnte von dort nicht zu meinem eigentlichen Startpunkt Bochum zurück, einige Telefonate, graue Haare und verlorenen Nerven schaffte ich es ja mich in Düsseldorf in den Bus zu buchen. Warum, fragte ich mich, hat man mir nicht angeboten, in Mönchengladbach ganz entspannt einzusteigen? Nun, ich werde es nie erfahren. Also muss ich allen Lesern auch diese Antwort vorenthalten.
Irgendwann nach Aachen schliefen dann, bis auf den Fahrer und meiner Wenigkeit, alle Fahrgäste. Wir kamen gut voran und nach einer größeren Pause, waren wir kurz nach 8 Uhr morgens auf dem Parkplatz im Land der Maus an.
Es wurden noch Tickets verteilt, Ermahnungen und Tipps gegeben, man sollte sich merken, wo der Bus stand. Ein Mitfahrer war so clever und meinte, sie stünden ja am Eingang auf dem Bienvenue stand. Ich weiß nicht, ob der je wieder zum Bus gefunden hat.

Es ist erstaunlich, wie sehr allein der Weg zum Eingang ein Wohlgefühl vermittelt. Musik, Schilder und Bilder, Ansagen. Alles hunderte Male gesehen und gehört und doch. Es ist etwas Magisches. Es läuft einem den Rücken herunter, man bekommt Gänsehaut, ein besonderes Gefühl im Magen. Man ist nicht einfach das Land der Maus. Es ist ein Zuhause, dass man mit vielen Menschen teilt und doch einem ganz allein gehört.
Nach kurzer Wartezeit öffneten die Sicherheitsschleusen und ich ging Richtung Studiopark. Ich wollte zunächst einmal dort Remy besuchen und natürlich in den Shops nach Geschenken und Besonderem Ausschau halten. Aber noch mussten wir warten.
 
Malakina Imagineer Azubi
Jetzt bin ich aber erleichtert. Der Herr Meisterdetektiv hat es wohlbehalten ins Land der Maus geschafft. Danke für diese Erlösung.
 
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