Heute geht es mit Robin Hood weiter.
Robin Hood ist eine fiktive Person. Es gibt keinen Beleg, dass es eine Person mit dem Namen und der Geschichte gibt.
Dennoch schreibe ich jetzt mal was über die Person. Im England des 13. Jahrhunderts wurde der Namen Robin Hood als Spitz- oder Beinname benutzt. Der Name ist ein Synonym für Gesetzesbrecher. Gegen 1500 wurde die älteste Ballade über Robin Hood mit dem Titel Robin Hood and the Potter vollständig schriftlich festgehalten. Altere Balladen sind nur noch in Teilen erhalten.
Schon jetzt mal sorry, für den langen Text.
Anfang der 1440er Jahre verfasste Walter Bower die Ansicht, Robin Hood sei ein Anhänger von Simon de Montfort gewesen. Montfort, Earl of Leicester, führte 1265 eine gescheiterte Rebellion an. Im Jahr 1521 stellte John Major die These auf, Robin Hood habe zur Zeit von Richard Löwenherz gelebt. Diese Auffassung setzte sich im Verlauf des 16. Jahrhunderts zunehmend durch. Zudem vertrat John Leland die Meinung, Robin Hood stamme aus adligem Hause.
1569 griff Richard Grafton in seiner "Chronicle at Large" die Datierung Majors auf und ergänzte Lelands Aussagen dahingehend, dass Robin Hood ein Earl gewesen sei. Laut Grafton habe Robin Hood aufgrund eines verschwenderischen Lebensstils hohe Schulden angehäuft, sei daraufhin geächtet worden und in die Wälder geflohen. Dort habe er Überfälle begangen, bis er schließlich im Kloster „Bircklies“, vermutlich eine fehlerhafte Schreibweise von Kirklees, bei einem Aderlass verblutete. Grafton zufolge war das angebliche Grab Robin Hoods zu seiner Zeit noch zu besichtigen.
Der Balladendichter Martin Parker sammelte nach eigenen Angaben Informationen aus „zuverlässigen“ englischen Chroniken und vertrat um 1632 in "True Tale of Robin Hood" die Auffassung, der verstorbene Robert, Earl of Huntington, könne mit Robin Hood identisch gewesen sein. Dieser Earl war bereits 1198 gestorben. Parker zitierte zudem ein Epitaph, das sich angeblich im Kloster Kirklees befunden habe. Ein weiteres Epitaph zweifelhafter Echtheit fand sich später in den Nachlasspapieren des Dekans von York, Thomas Gale. Auch darin wurde Robin Hood als Earl of Huntington bezeichnet, allerdings mit dem Todesjahr 1247.
Der englische Historiker Ralph Thoresby beschrieb 1715 in seinem Werk "Ducatus Leodinensis" einen angeblichen Grabstein nahe Kirklees mit einer kaum lesbaren Inschrift, bei dem es sich möglicherweise um Robin Hoods Grab gehandelt haben könnte. 1743 entwickelte William Stukeley in seiner "Paleographica Britannia" eine Ahnenreihe, nach der Robin Hood ein Enkel von Ralph Fitzooth gewesen sei, einem normannischen Gefolgsmann Wilhelms des Eroberers. Nach heutigem Forschungsstand gilt diese Genealogie jedoch als frei erfunden und historisch nicht haltbar.
Der französische Historiker Augustin Thierry vertrat in seiner 1825 erschienenen "Histoire de la Conquête de l'Angleterre par les Normands" erstmals die Auffassung, Robin Hood sei zur Zeit von König Richard Löwenherz Anführer einer Gruppe unterdrückter und entrechteter Angelsachsen gewesen, die sich patriotisch gegen die normannischen Eroberer zur Wehr gesetzt hätten.
1846 stellte der Altertumsforscher Thomas Wright die These auf, Robin Hood habe einen mythischen Ursprung. Auch die britische Anthropologin Margaret Alice Murray schloss sich dieser Auffassung an. In der modernen Forschung gilt diese Theorie inzwischen als widerlegt.
Joseph Hunter kam in einer 1852 veröffentlichten Untersuchung zu dem Schluss, dass Robin Hood mit einem Robert Hood identisch gewesen sei, der 1316/17 in den Manor Rolls von Wakefield in Yorkshire erwähnt wird. Zwar vertrat der amerikanische Gelehrte Francis James Child 1888 in seiner maßgeblichen Ausgabe englischer und schottischer Balladen die Ansicht, Robin Hood sei eine rein literarische Erfindung der Balladendichtung, doch wurde Hunters Theorie später durch neue Urkundenfunde von J. W. Walker und P. Valentine Harris gestützt. Nach Hunters Rekonstruktion beteiligte sich der in den Manor Rolls genannte Robert Hood 1322 an der gescheiterten Rebellion des Thomas Plantagenet, 2. Earl of Lancaster, gegen König Eduard II. Aufgrund seiner Beteiligung sei er geächtet worden und habe sich in den Barnsdale Forest geflüchtet. Im folgenden Jahr soll er vom König, der nach Nottingham gereist war, begnadigt und in den königlichen Dienst aufgenommen worden sein. Tatsächlich erscheint 1324 in den Schatzkammerakten ein Kammerdiener namens Robyn Hod, der Ende desselben Jahres wegen Arbeitsunfähigkeit mit einer finanziellen Unterstützung aus dem Dienst ausschied. Diese Darstellung weist Parallelen zur "Gest of Robyn Hode" auf, in der Eduard II. Robin Hood begnadigt und an seinen Hof aufnimmt. Allerdings sprechen mehrere Argumente gegen Hunters Theorie: Zum einen tritt sein „Robin Hood“ vergleichsweise spät in Erscheinung, zum anderen konnte der Mediävist James Clarke Holt nachweisen, dass der königliche Kammerdiener bereits Monate vor Eduards Aufenthalt in Nottingham im Dienst stand. Daher bleibt fraglich, ob Robert Hood und Robyn Hod tatsächlich dieselbe Person waren.
James Clarke Holt versuchte, aus verschiedenen historischen Hinweisen ein mögliches reales Vorbild für Robin Hood zu rekonstruieren. Dabei stützte er sich auf urkundlich belegte Personen des 13. und frühen 14. Jahrhunderts mit Namen wie Robin Hood oder ähnlichen Schreibvarianten. Die Quellenlage zu diesen Personen ist jedoch äußerst dürftig. Bedeutend war insbesondere eine Entdeckung des Historikers David Crook aus dem Jahr 1984: Er identifizierte zwei lateinische Quellen aus den Jahren 1261 und 1262, in denen ein flüchtiger Räuber namens William, Sohn des Robert le Fevre, erwähnt wird. In einer späteren Quelle wird dieser Mann als Willelmi Robehod fugitivi bezeichnet. Daraus schloss Crook, dass Namen wie „Robinhood“ oder „Robehod“ bereits Mitte des 13. Jahrhunderts als gebräuchliche Spitznamen für geächtete Räuber verwendet wurden. Wenn dies zutrifft, müsste ein möglicher historischer Robin Hood bereits vor 1262 gelebt haben. Tatsächlich häufen sich zwischen 1265 und 1322 urkundliche Nachweise von Personen mit Namen wie Robinhood, Robehod oder Rabunhod in ganz England, wobei allerdings nicht alle dieser Personen kriminell auffielen. Holt vermutete, dass ein 1225 in den "Pipe Rolls" erwähnter flüchtiger Robert Hod das ursprüngliche Vorbild für den Balladenhelden gewesen sein könnte. Dieser war einem Gerichtstermin in York ferngeblieben, woraufhin sein Besitz im Wert von über 32 Schilling eingezogen wurde. Zwei Jahre später erscheint derselbe Geächtete in einer Aktennotiz unter dem Namen Hobbehod und wird dort als Pächter des Erzbistums York bezeichnet. Holt nahm an, dass sich aus dieser Figur im Laufe der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts die Robin-Hood-Legende entwickelte, die sich in ganz England verbreitete und nach und nach Elemente weiterer historischer Personen aufnahm.
Zu diesen möglichen Vorbildern zählt auch Roger Godberd. Wie der von Walter Bower beschriebene Robin Hood war er ein Anhänger Simon de Montforts. Nach dem Scheitern der Rebellion von 1265 führte Godberd eine Gruppe Geächteter an, die Nottinghamshire, Derbyshire und Leicestershire unsicher machte. Erst nach jahrelanger Verfolgung wurde er gefasst und starb 1276 im Gefängnis von Newgate. Ihm wurden unter anderem Überfälle auf Klöster und der Mord an einem Mönch vorgeworfen. Bemerkenswert ist zudem, dass ihn laut Anklage ein Ritter namens Richard Foliot unterstützte – eine mögliche Parallele zur Figur Richard of the Lee aus den Balladen. Als mögliches Vorbild für Bruder Tuck gilt wiederum der Geistliche Robert Stafford, der zwischen etwa 1417 und 1429 gemeinsam mit einer Bande zahlreiche Straftaten und sogar Morde in Surrey und Sussex beging und dabei den Decknamen „Friar Tuck“ verwendete.
Der Robin-Hood-Forscher Barrie Dobson vertrat dagegen die Auffassung, dass es möglicherweise nie ein konkretes historisches Vorbild für Robin Hood gegeben habe. Aus dem gehäuften Auftreten des zusammengeschriebenen Namens „Robinhood“ und ähnlicher Varianten seit dem späten 13. Jahrhundert schloss er, dass dieser ursprünglich kein Eigenname gewesen sei, sondern eine volkstümliche Bezeichnung für „Dieb“ oder „Räuber“. Der Name habe demnach zunächst als allgemeiner Spitz- oder Platzhaltername für Gesetzlose gedient und sei erst später auf die legendäre Figur übertragen worden. Im Laufe der Zeit habe die literarische Gestalt Robin Hood die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs verdrängt. Unabhängig von dieser Debatte gilt Dobsons gemeinsam mit J. Taylor veröffentlichte Quellenedition "Rymes of Robyn Hood" von 1976 bis heute als ein wissenschaftliches Standardwerk.
In die Robin-Hood-Erzählungen flossen zudem Motive aus älteren Legenden ein, insbesondere aus den Geschichten um Hereward the Wake, einen tatsächlichen Widerstandskämpfer gegen die normannische Eroberung Englands. Mit der wachsenden Popularität Robin Hoods geriet die Erinnerung an Hereward zunehmend in den Hintergrund. In der Forschung ist allerdings umstritten, in welchem Umfang Elemente der Hereward-Legenden tatsächlich in die Robin-Hood-Tradition übernommen wurden. Vergleichbare Diskussionen gibt es auch hinsichtlich möglicher Einflüsse der Geschichten um den nordfranzösischen Banditen Eustache le Moine.