Disney World im Schatten keiner Türme

11. September 2001: Walt Disney World im Schatten keiner Türme

| 911GedenkenWalt Disney World

Die US-Flagge auf Halbmast in Epcot am 11.9.2021 - über die Szenerie fallen die Schatten der Türme des World Trade Centers

Die meisten von uns wissen noch genau, wo sie an jenem Nachmittag waren. Vielleicht vor dem Fernseher, vielleicht im Büro, wo plötzlich alle um einen Bildschirm herumstanden. Der 11. September 2001 ist so ein Tag, der sich mit allem Drumherum ins Gedächtnis gegraben hat.
Ich erinnere mich, als sei es gestern gewesen, auch heute, 25 Jahre später: Ich hatte eine Besprechung zu meinem damaligen Unternehmen. Bei meinem Geschäftspartner zuhause.
Im Radio hieß es, ein Flugzeug – wahrscheinlich ein kleines Sportflugzeug – sei in den Innenhof des World Trade Centers gestürzt – wahrscheinlich ein Unfall.
Kurz darauf wurde das Programm unterbrochen. Von einem Sportflugzeug und dem Innenhof war keine Rede mehr. Es war eine Passagiermaschine in einen der Türme geflogen – wahrscheinlich ein Unfall.
Sofort schalteten wir den Fernseher an. Dort wurde gerade über technische Probleme bei der Flugsicherung spekuliert – wahrscheinlich kam es dadurch zum Unfall.
Wenige Minuten später sahen wir live die zweite Maschine in den zweiten Turm fliegen – und es war klar: Es war kein Unfall.
Ich erinnere mich noch daran, meinen Opa angerufen zu haben, er solle schnell den Fernseher anschalten. Und dann folgte ich für die kommenden Tage der Berichterstattung.
Während bei uns bereits der Nachmittag angebrochen war, war es in Florida, in Walt Disney World, noch Vormittag:

In diesem Artikel
  • Am 11. September 2001 erlebten die Gäste in Walt Disney World einen unbeschwerten Morgen, während die Terroranschläge in New York begannen.
  • Die Parks wurden umgehend geschlossen, um die Sicherheit der Besucher zu gewährleisten und um aufgrund möglicher Bedrohungen einen geordneten Notfallplan umzusetzen.
  • Disney koordinierte die Schließungen mit anderen Freizeitparks, um Panik zu vermeiden und Entscheidungen gemeinsam zu treffen.
  • Nach den Anschlägen musste Disney die Gäste versorgen, die wegen geschlossener Flughäfen nicht abreisen konnten.
  • Der 12. September brachte bedeutende Sicherheitsmaßnahmen, die bis heute in Walt Disney World gelten, jedoch gibt es kein physisches Gedenken an den 11. September im Park.

Der Tag, der die Welt veränderte – in Walt Disney World

Es ist ein warmer Vormittag in Zentralflorida, kurz vor neun. Auf der Main Street läuft die vertraute Hintergrundmusik, vor Dumbo bildet sich die erste Schlange. In den Restaurants sitzen Familien beim Frühstück. Für Zehntausende Gäste im Magic Kingdom beginnt ein Urlaubstag wie so viele zuvor.

Rund 1.500 Kilometer weiter nördlich schlägt um 8:46 Uhr Ortszeit die erste Maschine in den Nordturm des World Trade Centers ein. Davon ahnen die Menschen im Park noch nichts. Es wird der erste Tag in der Geschichte von Walt Disney World, an dem alle vier Parks vollständig schließen. Noch am Vormittag werden sie ohne Vorwarnung geräumt, vor dem Abend liegen sie leer und verriegelt.

Während in den Parks noch alles normal wirkt

In den ersten Minuten nach dem Einschlag sucht selbst New York noch nach einer Erklärung. Ein Flugzeug ist in den Nordturm des World Trade Centers geflogen. Solange niemand das Ausmaß erfassen kann, wirkt es wie ein furchtbarer Unfall. Erst um 9:03 Uhr, als vor laufenden Kameras die zweite Maschine in den Südturm fliegt, wird klar, dass es kein Unfall war. Um 9:37 Uhr rast eine dritte Maschine in das Pentagon, um 10:03 Uhr stürzt eine vierte bei Shanksville in Pennsylvania ab, nachdem sich mutige Passagiere an Bord gegen die Entführer gestellt hatten, um noch Schlimmeres zu verhindern.

In Florida erfahren die Gäste zu dieser Zeit zunächst nichts davon. Im Disney-Jargon heißt der für sie sichtbare Bereich „on-stage”, die Bühne, und dort läuft der Betrieb weiter. Auf der Main Street spielt Musik, die Bahnen drehen ihre Runden, vor den Attraktionen werden die Schlangen länger. In Epcot, den damaligen Disney-MGM Studios und im Animal Kingdom strömen zur selben Zeit die ersten Besucher durch die Drehkreuze. Die meisten denken nur darüber nach, welche Attraktion sie zuerst ansteuern.

Hinter den Kulissen, „backstage”, sieht der Morgen da längst schon anders aus. In den Büros und Pausenräumen laufen die Fernseher. Ein Mitarbeiter, der an diesem Vormittag im Magic Kingdom gerade an zwei großen Attraktionen eingearbeitet wird, erfährt von seinem Manager, was in New York geschieht. Wenig später steht er im überfüllten Pausenraum und sieht die zweite Maschine einschlagen.

Zur selben Zeit verfolgt ein anderer Cast Member die Ereignisse in seinem Büro tief unter dem Cinderella Castle, im weitverzweigten Tunnelsystem der Utilidors. Auf seinem großen Fernseher sieht er, wie sich die Ereignisse überschlagen. Dann kommt plötzlich die Führungsspitze des Parks herein und braucht dringend sein Telefon. Innerhalb von Minuten wird der kleine Raum unter dem Schloss zur Kommandozentrale des Magic Kingdom.

Ich ging an diesem Morgen zu meiner Schicht im Magic Kingdom. Ich war in meinem Büro im „Utilidoor” direkt unterhalb und etwas hinter dem Cinderella Castle. Wir hatten einen großen 55-Zoll-Fernseher, um die Ereignisse zu verfolgen.
Dann kam der Vice President Operations des Magic Kingdom zusammen mit einigen anderen Mitgliedern des Magic Kingdom Führungsteams herein und sagte, er brauche sofort unser Telefon. Unser Büro wurde zum „Lagezentrum” für die Magic-Kingdom-Führung. Er schaltete den Lautsprecher ein. An der Telefonkonferenz nahmen die Leiter der einzelnen Parks und von Team Disney teil. Eine wenig bekannte Tatsache: Auch Führungskräfte von Bush (sic!) Gardens, Sea World und Universal waren bei diesem Gespräch dabei

Cast Member Bericht im Blog “Our Magical Disney Moment” von “Two Sisters”:
https://collinsrace1.wordpress.com/2021/09/11/disney-world-closes-on-september-11-2001/

An diesem Vormittag geschieht beides gleichzeitig. On-stage fahren die Parkbesucher Achterbahn, treffen Disney Figuren und schlecken ihr erstes Eis. Backstage steht die Leitung des größten Themenparkresorts der Welt vor einer Entscheidung, wie es sie in seiner Geschichte noch nicht gegeben hat.

Wie Disney in Windeseile reagierte

Die Entscheidung fällt in dem Büro tief unter dem Cinderella Castle, das kurz zuvor zur Kommandozentrale geworden ist. An der Telefonkonferenz nehmen die Chefs der vier Parks von Walt Disney World und die Konzernspitze der The Walt Disney Company teil. Mit dabei sind auch leitende Manager von Universal, SeaWorld und Busch Gardens, die sonst um dieselben Gäste konkurrieren. Aber heute geht es nicht um den Konkurrenzkampf.

Keiner wollte allein vorpreschen. Wer als Einziger schloss, während die anderen offenblieben, stand schnell als Panikmacher da, der Zehntausenden ohne Not den Urlaubstag ruiniert hatte. Wer dagegen offenblieb, während etwas geschah, konnte das hinterher nie mehr korrigieren. Also stimmte man sich ab und traf die Entscheidung zur Schließung gemeinsam.

Die Angst dahinter war nicht unbegründet. Ein damals Beteiligter erinnert sich, dass in den Nachrichten schon Namen möglicher weiterer Ziele fielen: neben dem Sears Tower in Chicago und den Regierungsgebäuden in Washington auch Walt Disney World. Noch galten weitere Flugzeuge als vermisst. Niemand wusste, ob das Schlimmste vorbei war. Auch das Magic Kingdom passte in dieses Raster: ein weltberühmtes Symbol Amerikas, an einem Vormittag zehntausende Menschen auf engem Raum. Das noch symbolträchtigere Disneyland in Anaheim galt erst recht als denkbares Ziel.

Die Schließung wurde für beide US-Resorts beschlossen: Walt Disney World in Florida und das Disneyland Resort in Kalifornien.

Das hatte es so noch nie gegeben. Eine nationale Notlage hatte zuvor erst einmal zur Schließung eines Disney-Parks geführt: nach der Ermordung John F. Kennedys 1963. Damals traf es Disneyland; Walt Disney World gab es noch nicht. Für das Resort in Florida war der 11. September 2001 damit der erste vollständige Schließtag überhaupt. In Kalifornien kam es gar nicht erst zur Öffnung. Dort hatte der Betrieb wegen der Zeitverschiebung noch nicht begonnen. Disneyland und das erst im Februar 2001 eröffnete Disney California Adventure (damals noch „Disney’s”) blieben von vornherein geschlossen.

“Due to circumstances beyond our control”

In den Parks läuft fast immer Musik. Auf der Main Street, in den Wartebereichen und zwischen den Attraktionen gehört dieser Klangteppich zu Disney wie die Farben und die Gerüche. Er verstummt so gut wie nie. Umso unwirklicher war es, als an diesem Vormittag plötzlich für einen Moment Stille eintrat.

Was dann aus den Lautsprechern kam, hatten die Gäste im Magic Kingdom noch nie gehört. Eine nüchterne Ansage, die den Park für geschlossen erklärte und die Gäste bat, den Mitarbeitern zu folgen und die Ausgänge anzusteuern. Kein Wort zum Grund, nichts von New York oder einem Angriff. Nur die Aufforderung zu gehen.

Meine Damen und Herren, aufgrund von Umständen, die sich unserer Kontrolle entziehen, ist das Magic Kingdom ab sofort geschlossen. Bitte folgen Sie den Anweisungen der Mitarbeiter und begeben Sie sich zum nächsten Ausgang.

Menschen beim Verlassen des Magic Kingdom am 9.11.2001

Das traf die meisten Gäste völlig unvorbereitet. 2001 gab es keine Smartphones und kein Social Media, kein Live-Video in der Hosentasche. Ein Handy hatten viele, aber ins Internet ging damit kaum jemand, und wenn, dann langsam und extrem teuer, im Minutentakt oder gar Sekundentakt abgerechnet. Wer im Park stand, verfolgte nicht in Echtzeit, was in New York geschah. Die Nachricht sickerte langsam durch, über Anrufe von zu Hause, über andere Gäste, über einen Fernseher im Hotelzimmer. So kam es, dass Familien noch Attraktionen besuchten und Spaß hatten, während weit im Norden längst die Türme brannten. Heute wäre das kaum vorstellbar.

Hinter der ruhigen Durchsage begann ein einstudierter Notfallplan, intern „Emergency Plan A” genannt: die geordnete, unaufgeregte Räumung über die normalen Ausgänge. Für noch heiklere Lagen gab es weitere Abstufungen bis hin zum Schutz der Gäste unter dem Magic Kingdom in den Utilidors. An diesem Tag reichte die niedrigste Stufe. Im Magic Kingdom lief das so ab, in den anderen Parks analog dazu: Attraktionen, Läden und Restaurants machten dicht, damit sich alle nach draußen bewegten. Wer gerade beim Essen saß, musste den Teller stehen lassen. Dann bildeten die Mitarbeiter eine Kette, fassten sich an den Händen und leiteten die Menschen ins Zentrum des Parks und von dort die Main Street hinunter zum Ausgang, ohne die Gäste anzufassen. Die Security ging hinterher, damit niemand zurückblieb. Die Mitarbeiter durften nichts erklären. Das sorgte für Verwirrung und manchen verärgerten Gast, verhinderte aber Panik. Am Drehkreuz drückte man den Gehenden ein Ticket für einen späteren Besuch in die Hand.

In kaum mehr als zwanzig Minuten war ein Park, in dem sich eben noch Zehntausende drängten, praktisch leer.

Auf der Rückfahrt in die Hotels war es ungewöhnlich still. Die Busse, Boote und die Monorail brachten die Gäste zurück, und wer dabei war, erinnert sich vor allem an das Schweigen. Kein Lachen, kein Geplapper, kein quengelndes Kind. Nur Menschen, die ahnten, dass gerade etwas passierte, das ihren Urlaub sehr klein aussehen ließ.

So still habe ich einen Disney-Bus noch nie erlebt. Ich war den Tränen nahe.

Bericht einer Besucherin, gesammelt von Jim Hill für die Huffington Post:
https://www.huffpost.com/entry/what-was-it-like-at-walt_b_952645

Wie Gäste und Cast Member den 11. September in Walt Disney World erlebten

Einen geräumten Park kann man in wenigen Sätzen beschreiben. Wie sich dieser Vormittag von innen anfühlte, nicht. Ein paar der Menschen, die dabei waren, haben ihren Tag später aufgeschrieben, und diese Berichte sind bis heute nachzulesen.

Beth und Steve Shorten aus New Jersey waren zu ihrem fünften Hochzeitstag in der Wilderness Lodge. Für den frühen Morgen des 11. September hatten sie eine besondere Aufgabe übernommen. Sie durften die „Flag Family” sein und oben auf dem Dach des Hotels die Fahnen hissen. Noch vor Sonnenaufgang standen sie dafür in der Lobby bereit.

Die Aussicht war unglaublich. Es war ein wunderschöner Morgen. Steve durfte die erste Flagge hissen, die amerikanische. Danach zogen wir die Staatsflagge hoch, die Parkflagge von Walt Disney World und die zwei Fahnen des Hotels. Ich machte so viele Fotos, wie ich nur konnte.

Beth Shorten, damals mit ihrem Mann in der Wilderness Lodge, in einem Rückblick auf ihrem Blog, zitiert von WKMG:
https://www.clickorlando.com/theme-parks/2021/09/12/september-11th-at-walt-disney-world-a-day-that-changed-tourism-forever/

Wenige Stunden später standen die beiden am Liberty Square im Magic Kingdom, als der Park geschlossen wurde. Auf der Main Street fielen Beth Männer in Anzügen auf, die dort sonst nie zu sehen sind, offenbar Leute aus der Verwaltung. Mit dem Boot ging es zurück zur Lodge, langsam, aber geordnet. Den Rest des Tages verbrachten die beiden vor dem Fernseher im Hotel und sahen dasselbe wie das ganze Land und große Teile der Welt.

Viele Gäste begriffen erst nach und nach, was geschah. Sobald die ersten Telefonate ankamen, begannen Menschen, den Park zu verlassen. Wer einen Mitarbeiter direkt fragte, bekam mancherorts nur den Rat, die eigene Familie anzurufen. Ein Mitarbeiter aus Frontierland erinnerte sich später, dass die Cast Member nichts sagen durften, solange niemand nachfragte. Ein Gast fragte ihn geradeheraus. Als der Mann die Wahrheit hörte, stand er nur da, regungslos, und brachte eine ganze Weile kein Wort heraus.

Cast Member mit Familie in New York und Washington D.C. traf der Tag besonders hart. Oft wussten sie nicht, ob ihre Angehörigen in Sicherheit waren. Gleichzeitig wussten sie, dass sie selbst gerade an einem potentiellen Ziel standen, und lächelten trotzdem weiter, während sie Tausende nach draußen begleiteten. Einer von ihnen, gebürtiger New Yorker, sprach danach jahrelang nicht darüber.

Ich habe nie wirklich über den 11. September geredet. Alle in New York waren dabei, sie haben ihn durchlebt, sie mussten nicht darüber reden. Aber am 11. September 2004 setzten sich meine Mitbewohner aus dem College Program um mich und hörten sich meine ganze Geschichte an, von Anfang bis Ende. Sie hingen an jedem Wort und weinten, als ich weinte. Das hat mir geholfen, mit dem Tag ins Reine zu kommen.

Eine damalige Cast Memberin aus New York, die 2001 im Rahmen des College Program in Walt Disney World arbeitete: http://www.thedisneypoint.com/2011/09/walt-disney-world-on-911.html

Für die Cast Member kam eine besondere Belastung hinzu. Wer onstage eine Rolle verkörperte, musste weiter gute Laune zeigen, ganz gleich, wie es in ihm selbst aussah.

Das Schwerste war, so verdammt fröhlich zu bleiben. Alle, Mitarbeiter und Gäste, fühlten sich innerlich tot. Und trotzdem waren es die Mitarbeiter, die in Acht-Stunden-Schichten ‚die Magie machen’ mussten, um alle vom schweren Schatten der Anschläge abzulenken. Einen stilleren, bedrückteren Pausenraum kann man sich nicht vorstellen.

Ein damaliger Cast Member in einem der von Jim Hill gesammelten Augenzeugenberichte:
https://jimhillmedia.com/9-11-at-walt-disney-world-first-person-accounts/

Was in den Stunden und Tagen danach geschah

Gegen Mittag waren die Parks leer. Disney musste sich nun um Zehntausende kümmern, die nicht nach Hause kamen. Der Luftraum war gesperrt, Flüge fielen tagelang aus, und wer mit dem Flugzeug angereist war, saß vorerst fest. Am Morgen war das Resort noch ganz auf Urlaub eingestellt gewesen. Nun musste es für sehr viele Menschen zu einem Ort werden, an dem sie vorerst bleiben konnten.

An den Rezeptionen verlängerten die Mitarbeiter die Aufenthalte für alle, die keinen Flug mehr bekamen. Die Hotelrestaurants, sonst tagsüber halb leer, weil die meisten Gäste in den Parks essen, mussten von einem Moment auf den anderen ganze Familien zu jeder Mahlzeit versorgen. Damit wenigstens die Kinder abgelenkt waren, schickte Disney Mickey, Donald, Tigger und die anderen Disney Figuren in die Hotels, wo sie sonst nur selten zu sehen waren.

Ein Brief, den das Resort in diesen Tagen auf die Zimmer legte, zeigt, wie das bei den Gästen ankam. Ein damals Sechzehnjähriger hob ihn auf und fand ihn Jahre später wieder.

Danke, dass Sie unser Gast sind. Während wir alle mit ansehen mussten, wie sich diese nationale Tragödie entfaltete, seien Sie versichert: Die Mitarbeiter und die Leitung des Walt Disney World Resorts sind für Sie da und unterstützen Sie, wo immer wir können.”

Aus einem Schreiben, das Walt Disney World nach den Anschlägen an seine Hotelgäste verteilte, aufbewahrt von einem damaligen Gast und 2025 wieder öffentlich gemacht

An vielen Stellen ging die Hilfe über das Nötige hinaus. Es gibt Berichte von erlassenen Telefongebühren, damit die Gäste in Ruhe mit ihren Familien sprechen konnten, von zusätzlichen Nächten und Parktickets für Gestrandete und von Mitarbeitern, die halfen, wo sie konnten.

Der 12. September: ein anderes Walt Disney World

Am nächsten Morgen öffnete Walt Disney World wieder. Vieles war jedoch anders als am Tag zuvor.

Über Nacht waren vor den Eingängen Tische für provisorische Sicherheitskontrollen aufgestellt worden. Zum ersten Mal wurden die Taschen der Gäste durchsucht; dieselbe Prozedur gab es bei Universal und SeaWorld. Die Kontrollen dauerten deutlich länger als heute. Wer elektronische Geräte dabeihatte, musste bisweilen die Batterien herausnehmen, um zu zeigen, dass das Gerät tatsächlich das war, wonach es aussah. An den Tischen und in den Parks standen uniformierte Deputies des Orange County Sheriff’s Office. Einen Tag zuvor hatte es diesen Anblick dort noch nicht gegeben.

Über den Parks wurde eine Flugverbotszone eingerichtet. Sie gilt bis heute und besonders streng über dem Magic Kingdom. Viele Sicherheitsmaßnahmen, die in den Jahren danach hinzukamen, prägen die Parks bis heute: deutlich mehr Sicherheitspersonal, K9-Hundestaffeln, Sprengstoffspürhunde und Poller an den Hintereingängen, die einem Rammangriff mit einem Fahrzeug standhalten.

Die Folgen zeigten sich sogar an der Jungle Cruise, einer der eigentlich unterhaltsamsten Ecken des Magic Kingdom. Dort gehört seit jeher ein Kalauer zum Programm, bei dem der Skipper an einem abgestürzten Flugzeugwrack einen Witz über eine missglückte Landung reißt. Am 12. September ging dieser Satz vielen nicht mehr über die Lippen. Manche Skipper wichen auf andere Sprüche aus, andere legten an dieser Stelle eine Schweigeminute ein.

Auch am Himmel fehlte der gewohnte Flugverkehr. Tagelang durfte über den USA kein Flugzeug fliegen. Wenn doch einmal eine einzelne Maschine über das Magic Kingdom zog, hielten die Menschen inne, sahen ihr nach und warteten angespannt, bis sie sich wieder entfernt hatte.

So still und leer hatte kaum jemand diesen Ort je erlebt.

Wir haben in der ganzen Woche, in der wir dort waren, keinen einzigen anderen Gast gesehen, an keinen kann ich mich erinnern. Die Parks waren wie ausgestorben. Nirgends eine Schlange. Wir sind dreimal hintereinander Splash Mountain gefahren, ohne auch nur einmal auszusteigen.

Ein Gast, der 2001 als Sechzehnjähriger mit seiner Familie in Walt Disney World war, in einem Rückblick 2025:
https://www.disneydining.com/this-is-what-walt-disney-world-did-for-hundreds-of-thousands-of-guests-on-9-11-ad1/

Wie sich der 12. September anfühlte, zeigt auch ein Bericht aus dem World Showcase. Vor dem Pavillon The American Adventure trat damals das Spirit of America Fife and Drum Corps auf, eine kleine Gruppe Musiker in Uniformen aus der Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges. An normalen Tagen gingen die meisten Gäste einfach daran vorbei. Eine Mitarbeiterin, die an jenem Morgen am gegenüberliegenden Stand des Disney Vacation Club arbeitete, hatte diesen Aufritt schon Dutzende Male erlebt. Diesen einen Tag vergaß sie nicht. Der Park war leerer und stiller als je zuvor, die Menschen gingen langsam und sahen einander kaum an. Dann setzten die Trommeln ein.

Jede Stunde begann es mit ein paar Trommelschlägen, und die Gäste schienen dem Klang zu folgen und sammelten sich um das Spirit of America Fife and Drum Corps. Sie eilten nicht länger achtlos vorbei. An diesem Tag stellten sich die Menschen im Kreis um die Musiker. Sie sangen patriotische Lieder. Manche Gäste weinten.

Eine damalige Cast Member, die am 12. September am Disney-Vacation-Club-Stand vor The American Adventure in Epcot arbeitete, in einem Rückblick 2014 (in diesem Jahr beendete das American Fife and Drum Corps seine Auftritte):
https://www.mouseearsmom.com/2014/09/12/walt-disney-world-the-day-after-9112001/

Drei Tage später, am 14. September, rief Präsident Bush einen nationalen Tag des Gebets und Gedenkens aus. Im ganzen Land hielten die Menschen zur Mittagszeit inne. Auch in den Disney Parks kündigten die Mitarbeiter an, dass Läden und Attraktionen um die Mittagsstunde für eine Schweigeminute verstummen würden. Für diesen Moment hielten auch die Abläufe an, die sonst nie stillstehen. In Disneyland in Anaheim sangen die Gäste im Anschluss daran am Town Square spontan „God Bless America”.

Die Nachwirkungen von 9/11 für Walt Disney World bis heute

Wer heute durch das Magic Kingdom läuft, findet keinen Gedenkstein für den 11. September, keine Tafel und kein Schild. Dennoch gibt es jeden Tag eine Zeremonie, die am 11. September wie ein Gedenken wirkt.

Um 17 Uhr versammeln sich am Fahnenmast auf dem Town Square, gleich hinter dem Eingang zur Main Street, Mitarbeiter und Gäste zur Flag Retreat Ceremony. Die Nationalflagge wird eingeholt und gefaltet. Im Mittelpunkt steht ein Veteran, den Disney an diesem Tag ehrt. Diese Zeremonie gibt es in Florida seit dem Eröffnungstag 1971, und sie hat seit jeher ein besondere Bedeutung.
Am 11. September ist ihre Bedeutung noch einmal eine andere: Die zuvor auf Halbmast gesetzte Flagge wird von einem Ersthelfer aus dem Jahr 2001 eingeholt. 2021 übernahm dies etwa Rob Vickers, der 2001 für vier Wochen nahezu ohne Pause am Ground Zero im Einsatz war.

Flag Retreat Zeremonie im Magic Kingdom am 11. September 2019

Beth Shorten erinnerte sich später noch an einen kleinen, festlich hergerichteten Bereich, den sie beim Verlassen der Wilderness Lodge gesehen hatte. Dort sollte an diesem Tag eine Hochzeit stattfinden. Das Brautpaar bekam sie nie zu Gesicht.

Ich denke jedes Jahr daran, gerade weil mein eigener Hochzeitstag nur wenige Tage entfernt liegt. Ich frage mich, was aus dem Brautpaar geworden ist. Ich frage mich, wie ihr Hochzeitstag wirklich war.

Beth Shorten, Rückblick auf ihrem Blog, 2017
https://bfthsboringblog.blogspot.com/2013/09/where-were-you.html