Neuerfindung eines Klassikers

Carousel of Progress in Walt Disney World wird komplett überarbeitet

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Ausschnitt aus dem Concept Art zur Neugestaltung des Carousel of Progress in Walt Disney World: die Eltern betreten das Wohnzimmer der Familie

Es gibt Attraktionen in den Disney Parks, bei denen man das Gefühl hat, sie waren schon immer da – und werden es auch immer bleiben. Carousel of Progress im Magic Kingdom gehört definitiv dazu. Die Show zählt zu den letzten Attraktionen, an denen Walt Disney selbst direkt beteiligt war, und hat seit Jahrzehnten Kultstatus.
Jetzt steht allerdings die größte Veränderung in der mehr als 60jährigen Geschichte der Attraktion bevor: Ab Juli 2026 schließt Carousel of Progress für eine umfassende Überarbeitung. Die Wiedereröffnung ist aktuell für 2027 geplant.

Neue Jahrzehnte, neue Szenen, ein neuer Walt Disney Animatronic

Was hier geplant ist, ist keine kleine Modernisierung. Disney baut Carousel of Progress komplett um. Alle Szenen werden in neue Jahrzehnte versetzt, die finale Zukunftsszene entsteht ebenfalls neu, und außerdem zieht Walt Disney selbst als Audio-Animatronic in die Attraktion ein – dieser Teil war schon auf der letzten Destination D23 angekündigt worden.

Dazu kommen neue Requisiten, neue Dialoge und eine überarbeitete Version des Sherman-Brothers-Klassikers There’s a Great Big Beautiful Tomorrow.

Dieser Umbau greift sehr deutlich in das Konzept der Attraktion ein, auch wenn Disney sagt, der Charackter solle erhalten bleiben. Bei vielen, die die Attraktion für unantastbar halten, wird das für massive Kritik sorgen. Gleichzeitig passt genau das zur ursprünglichen Idee hinter dem Carousel of Progress. Die Show sollte nie nur konserviert werden. Sie war immer dafür gedacht, sich mit der Zeit weiterzuentwickeln.

Von der Weltausstellung ins Magic Kingdom

Die Geschichte von Carousel of Progress beginnt lange vor Walt Disney World. Bereits in den 50ern plante Walt Disney eine Erweiterung von Disneyland in Anaheim namens Edison Square. Dort sollte eine Attraktion mit dem Titel Harnessing the Lightning entstehen – eine Show darüber, wie Elektrizität das Leben amerikanischer Familien verändert.

Concept Art für den Edison Square in Disneyland (Kalifornien). Eingangschild mit dem Namen über der Straße, Menschen betreten eine Straße, die im Stil des frühen 20. Jahrhunderts gestaltet ist. Zu sehen sind ein Polizist in zeitgenössischer Uniform mit Schlagstock und ein Oldtimer.

Allerdings wurde Edison Square nie gebaut. Die Grundidee blieb aber erhalten: Technik entwickelt sich ständig weiter, Menschen bleiben im Kern trotz aller Änderungen um sie herum gleich.

Auf diesem Grundgedanken basiert das Carousel of Progress. Es war das Herzstück des von General Electric gesponsorten Progressland-Pavillons auf der New Yorker Weltausstellung 1964/65. Die Attraktion wurde schnell zu einem der großen Highlights der Weltausstellung. Das rotierende Theatersystem galt damals als technisch spektakulär, dazu kam der inzwischen legendäre Sherman-Brothers-Song There’s a Great Big Beautiful Tomorrow.

Walt Disney beugt sich über den lebensgroßen Audio Animatronic von Vater John und schaut mit ihmgemeinsam auf ein Skript oder Dokument, als würde er mit einem echten Schauspieler Text durchgehen.
Walt Disney beugt sich über den lebensgroßen Audio Animatronic von Vater John und schaut mit ihmgemeinsam auf ein Skript oder Dokument, als würde er mit einem echten Schauspieler Text durchgehen.

Walt Disney selbst war in die Entwicklung eingebunden – nicht nur am Rande, sondern wirklich bis in kleinste Details. Eine der bekanntesten Geschichten aus der Entstehung, die zeigt, wie Walt auf jede Kleinigkeit achtete: Er entschied persönlich, wie sich die Zehen von Onkel Orville in der Badewannenszene bewegen sollten.

Nach der Weltausstellung zog das Carousel of Progress zunächst von New York nach Disneyland in Anaheim, wo sie 1967 eröffnete, bevor sie 1975 ins Magic Kingdom nach Walt Disney World weiterzog. Dort wurde die Attraktion immer wieder verändert. Neue Jahrzehnte kamen hinzu, Szenen wurden modernisiert, Sprecher ausgetauscht und zeitweise sogar der berühmte Titelsong ersetzt.

Exkurs: Echte Darsteller als Vorlagen für Audio-Animatronics

Das Foto zeigt nicht Walt mit einem einem echten Schauspieler, sondern mit dem Audio-Animatronic „John“ aus dem Carousel of Progress. Aber tatsächlich hat die Darstellung, als sei es es die Arbeit mit einem echten Schauspieler einen historisch korrekten Hintergrund: Die Imagineers ließen zur Entwicklung von Animatronics die Bewegungen zuvor von echten Darstellern vorführen, um sie perfekt auf die Robotik zu übertragen. Ein berühmtes Beispiel ist die Arbeit von Buddy Ebsen für Disney im Rahmen von “Project Little Man”. Dass die Figur hier jedoch ein Skript hält, wie ein echter Schauspieler das täte, entsprang Walt Disneys geschicktem Marketing: Es war eine charmante Inszenierung für die Presse, um die bahnbrechende Lebensnähe der Technologie zu demonstrieren und so zu tun, als führe er bei einem echten Darsteller Regie.

Die letzte große Überarbeitung fand 1994 statt. Seitdem blieb Carousel of Progress im Wesentlichen unverändert – und das war eigentlich so nicht vorgesehen. Denn die Attraktion war nie dafür gedacht, für immer gleich zu bleiben. Fortschritt war von Anfang an das zentrale Thema der Show. Insbesondere die finale Szene, die eigentlich immer einen Blick in die Zukunft werfen sollte, wirkte deshalb veraltet und angestaubt. Die meisten dort zu sehenden Dinge sind heute längst schon wieder Vergangenheit und von Innovationen überholt, die selbst schon wieder nicht mehr aktuell sind.

Gerade deshalb wurde das Carousel of Progress in den vergangenen Jahren immer häufiger kritisiert. Viele Fans fragten sich schon lange, warum Disney ausgerechnet bei einer Attraktion, die das Thema Fortschritt aufgreift über Jahrzehnte kaum etwas verändert hat.

Walt Disney zieht in die Attraktion ein

Der wohl emotionalste Teil der Überarbeitung wird die neue Eingangsszene sein. Künftig wird Walt Disney selbst als Audio-Animatronic in Carousel of Progress zu sehen sein. Grundlage dafür ist das TV-Special Disneyland Goes to the World’s Fair aus dem Jahr 1964, in dem Walt die Attraktion damals persönlich vorstellte.

Das Imagineering-Team baut dafür mehrere Requisiten aus der Originalsendung nach, darunter einen frühen Tiki-Bird, ein Modell des Tower of the Four Winds und eine Figur aus It’s a Small World. Die Szene soll den Einstieg in die Attraktion bilden und stärker an die ursprüngliche Idee hinter Carousel of Progress erinnern.

Dass Disney Walt nun erneut als Animatronic einsetzt, wird allerdings nicht nur positiv gesehen. Gerade bei Audio-Animatronics einer realen Person stellt sich schnell die Frage, wie authentisch und respektvoll so etwas umgesetzt werden kann. Die Diskussion zu diesem Thema kochte ja bereits hoch als der Walt Disney Animatronic in Disneyland eingezogen ist.

Konzeptzeichnung die Walt Disney in einem Arbeitszimmer mit Entwürfen für Epcot, die Monorail und andere Attraktionen zeigt

Beim Carousel of Progress wirkt dieser Schritt aber einigermaßen nachvollziehbar. Die Attraktion ist eng mit Walt Disney verbunden. Dadurch fühlt sich sein Auftritt hier weniger wie ein zusätzlicher Effekt an, sondern eher wie ein Teil der Geschichte dieser Show.
Das ist aus meiner Sicht recht gut gedacht. Wie die Umsetzung dann sein wird, werden wir 2027 sehen.

Die neuen Jahrzehnte der Show

Die neue Version von Carousel of Progress verändert den bisherigen Aufbau der Show deutlich. Statt wie bisher am Anfang des 20. Jahrhunderts zu starten, beginnt die Geschichte künftig in den 1960er Jahren – also ungefähr 60 Jahre vor heute und 60 Jahre nach dem ursprünglichen Start. Damit greift Disney den Ansatz der ursprünglichen Version auf, die damals ebenfalls rund 60 Jahre in die Vergangenheit blickte.

Gleichzeitig fällt auf, dass viele der neuen Zeitabschnitte genau die Jahrzehnte zeigen, mit denen viele von uns, also heutige Erwachsene, aufgewachsen sind. Die Überarbeitung setzt insgesamt damit stärker auf Wiedererkennung als bisher.

Die 1960er Jahre: Die Mondlandung im Fernsehen

Der erste Akt spielt im Sommer 1969. Die Familie sitzt gemeinsam vor dem Fernseher und verfolgt live die Mondlandung – hier tun sich Paralellen auf zur entsprechenden Szene bei Spaceship Earth.
Das passt perfekt zu Carousel of Progress. Kaum ein anderes Ereignis steht so sehr für den technischen Optimismus dieser Zeit wie der erste Mensch auf dem Mond. Für ältere Besucher dürfte die Szene Erinnerungen wecken.

Szene aus Spaceship Earth: Blick in das Wohnzimmer einer Familie, die fasziniert die berühmte Berichterstattung von Walter Cronkite zur ersten Mondlandung verfolgt.
Szene aus Spaceship Earth: Blick in das Wohnzimmer einer Familie, die fasziniert die berühmte Berichterstattung von Walter Cronkite zur ersten Mondlandung verfolgt.

Halloween in den 80ern

Danach springt die Show ins Jahr 1985. Halloween steht vor der Tür, es läuft Musik der 80er, und erstmals rückt Sarah (die Tochter der dargestellten Familie) stärker in den Mittelpunkt der Szene.
Während neue Haushaltsgeräte und technische Spielereien den Familienalltag erleichtern sollen, verteilt John (Vater) draußen Süßigkeiten an die Nachbarskinder. Und Onkel Orville kämpft – wie schon seit Jahrzehnten – wieder einmal mit fehlender Privatsphäre im Badezimmer.
Gerade solche wiederkehrenden Gags gehören einfach zu Carousel of Progress dazu und sollten die Fans der klassischen Version hoffentlich versöhnen

Silvester 1999 und der Beginn des Internet-Zeitalters

Der dritte Akt spielt am Silvesterabend 1999. Die Familie wartet auf den Beginn des neuen Jahrtausends, während das Internet langsam Teil des Alltags wird.
Heute wirkt das selbstverständlich. Aber Ende der 90er war das Internet für die meisten Menschen noch etwas Neues. Genau dieses Gefühl greift die Szene auf.

Auch hier bleibt der Humor der Show erhalten. Während der Rest der Familie wach bleiben will, schläft der Großvater schon vor Mitternacht ein. Und die Großmutter nutzt die Gelegenheit, heimlich Wrestling im Fernsehen anzuschauen.

Die neue Zukunftsszene

Vollständiges Concept Art der neuen Schlussszene für das Carousel of Progress

Besonders Interesse weckt natürlich die neue Zukunftsszene. Schließlich war sie zuletzt das größtes Problem der Attraktion. Denn hier gab es das Problem, dass die „Zukunft“ mit der Zeit veraltet wirkte.
Die neue finale Szene zeigt die Familie deshalb in einer deutlich futuristischeren Umgebung – mit Robotern im Haushalt, neuer Raumfahrttechnik und weiteren Ideen für das Leben der Zukunft.

Für die Gestaltung greift Disney dabei auf alte Konzeptzeichnungen von Disney Legend John Hench zurück, der viele visuelle Ideen für Tomorrowland und EPCOT entwickelt hat.

Ab dem 6. Juli 2026 wird Carousel of Progress für die große Überarbeitung geschlossen. Die Wiedereröffnung plant Disney aktuell für 2027. Allerdings ohne konkreteren Zeitrahmen

Angesichts der Veränderungen ist die relativ lange Schließung nicht überraschend. Immerhin wird praktisch die komplette Show umgestaltet: neue Jahrzehnte, neue Szenen, eine neue Zukunftssequenz und erstmals Walt Disney selbst als Audio-Animatronic.

Wenn ihr die aktuelle Version noch einmal sehen möchtet, bleibt dafür nicht mehr allzu lange Zeit.
Also, nutzt die Chance, falls Ihr bis Anfang Juli noch eine Walt Disney World Reise geplant habt.

Carousel of Progress hat sich in seiner Geschichte immer wieder verändert. Genau darum ging es bei dieser Attraktion von Anfang an. Trotzdem reagieren viele Fans gerade hier besonders sensibel auf Änderungen. Für manche gehört jeder einzelne Dialog inzwischen fest zur Attraktion dazu. Was unter anderem auch daran liegt, dass über so lange Zeit nichts verändert wurde.

Ob die neue Version am Ende funktioniert, wird man erst nach der Wiedereröffnung beurteilen können. Die neue Szene mit Walt Disney dürfte dabei besonders genau unter die Lupe genommen werden – vermutlich nicht nur von uns.
Wir sind gespannt, wie dieser Teil der Attraktion umgesetzt wird. Aber nicht nur darauf!