Walt Disneys Pläne für das Leben der Zukunft

E.P.C.O.T. – Eine urbane Zukunft nach Walt Disney (Teil 3)

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Eine Konzeptzeichnung in Blautönen zeigt die ursprüngliche Idee für Epcot
Konzeptzeichnung der ursprünglichen Idee für E.P.C.O.T.

Im dritten und letzten Teil dieser Artikelreihe möchte ich Euch nun das Modell, welches die Imagineers zu E.P.C.O.T. bauten, genauer vorstellen. Außerdem erkläre ich Euch, was dieses Modell mit dem Carousel of Progress zu tun hat, und wie die Zukunft Epcots möglicherweise aussehen könnte.

Wie ging es weiter mit den Plänen für Epcot?

Nachdem Ihr in Teil 1 und Teil 2 dieser Reihe bereits einiges zur Geschichte hinter Epcot und den ursprünglichen Plänen von Walt erfahren habt, werfen wir jetzt noch einen Blick auf das berühmte Epcot-Modell und die tatsächliche Entwicklung des Parks.

Das E.P.C.O.T. Modell

Wie angekündigt, möchte ich Euch zuerst kurz ein wenig von dem Modell von E.P.C.O.T. erzählen. Dieses war in mühsamer Handarbeit von den Imagineers aufgestellt worden war. Dabei beginnen wir in den Jahren der New Yorker Weltausstellung 1964-65 im Pavillon des amerikanischen Elektro-Riesen General Electric. Walts Firma WED Enterprises, die später in den griffigeren Namen „Walt Disney Imagineering“ umgetauft wurde, wurde von GE (= General Electric) engagiert. Sie sollte eine Attraktion für deren Ausstellung, die sie „Progressland“ nannten, entwerfen und bauen. Walts Leute erdachten daraufhin das „Carousel of Progress“.

Dieses pries, beginnend mit dem Jahr 1899, in 20-Jahr-Abschnitten den Fortschritt dank Elektrizität und den Produkten von General Electric. Den Aufbau und die Geschichte sollten wir eigentlich alle kennen. Für diejenigen unter uns, die es nicht kennen, ist hier eine Aufnahme des Carousel of Progress. So ist es heute im Magic Kingdom in Walt Disney World zu sehen. Das Besondere dabei ist: Nicht die Bühne dreht sich, sondern der Zuschauerraum! Das war das wirklich Besondere und Innovative an diesem Karussell:

E.P.C.O.T. und die Weltausstellung 1964-65

Jetzt wieder zurück in der Zeit zur Weltausstellung. Neben dem Carousel of Progress bot der GE-Pavillon noch einige andere spektakuläre Attraktionen. So konnten Besucher beispielsweise die Vorführung einer kontrollierten Kernfusion mit Deuterium-Gas, einem natürlichen Wasserstoff-Isotop, erleben. Daneben gesellte sich ein Modell einer Stadt der Zukunft, von GE als „Medallion City“ betitelt. Das ist möglicherweise die erste Darstellung einer E.P.C.O.T. ähnlichen Stadt, was vermutlich auch Walt in seiner Vision anspornte.

Schwarz-Weiß-Fotografie des originalen Epcot-Modells beim Carousel of Progress im Jahr 1967
Fotografie des originalen Epcot-Modells beim Carousel of Progress 1967

Der Pavillon, der eine hohe Ähnlichkeit mit dem später in EPCOT Center gebauten „Wonders of Life“-Pavillon aufwies, war so angelegt, dass die Besucher zuerst im Carousel of Progress Platz nahmen, bevor sie den Rest der Ausstellung begutachteten. Das ist wichtig, denn nachdem die Weltausstellung zu Ende ging, wurde das Carousel-Theater abgebaut und nach Disneyland verschifft. Dort drehte es bis 1973 täglich seine Runden. In der Disneyland-Version des Carousel of Progress gab es eine sogenannte „Postshow“. In dieser nahmen die Besucher nach dem Verlassen des Theaters eine Art Rolltreppe nach oben in den zweiten Stock. Dort sahen sie sich das Modell von „Progress City“ an, aus dem sich dann schlussendlich das Modell von E.P.C.O.T. entwickelte. Das heißt, es gab das E.P.C.O.T.-Modell schon lange bevor die Stadt an sich eine realisierbare Gestalt annahm:

Was wurde aus dem Progress City-Modell?

Übrigens, als im Jahr 1973 das Carousel of Progress den Weg ins Magic Kingdom fand, wurde auch das Progess-City-Modell nach Florida überstellt. Doch anstatt im neuen Carousel-Theater einen Platz zu finden, wurde es halbiert und als eine der vielen Dioramas beim „Tomorrowland Transit Authority PeopleMover“ eingesetzt. Dort steht es noch heute, allerdings wurde es ein paar Mal restauriert und aufgefrischt. Das heißt, wir können auch heute noch einen kurz Blick auf die Zukunft der Vergangenheit werfen:

General Electric war sogar noch bis Ende 1992 Sponsor dieser Attraktion, zuerst im Disneyland, dann in Walt Disney World. Daher gab es zu dem Zeitpunkt noch viele Referenzen zum Sponsor. Erst ab 1993 wurden mit einer gründlichen Renovierung alle Hinweise auf GE entfernt und eine neue Erzählung aufgenommen. 1992 sah das Carousel of Progress noch so aus, wie es die Kollegen von Retro WDW auf ihrem Youtube-Kanal präsentieren:

So viel zu unserem kleinen Ausflug zur Geschichte des E.P.C.O.T.-Stadt-Modells.

Leben unter ständiger Kontrolle?

Mit den Plänen zu Gestaltung und Aufbau von Disney World in der Hand ging es nun daran, heiße Eisen anzufassen. Disney World sollte nämlich eine von der Disney Company vollständig kontrollierte Gemeinde werden – zumindest war das Walts Wunsch. So konnte er sicherstellen, dass sich die ‚Fehler‘ von Disneyland, nicht wiederholten. Eine Ansammlung von Touristenfallen und billig anmutenden Motels rund um Magic Kingdom und Co. sollte es nicht geben. Außerdem wollte er erreichen, dass die Firmen, die in E.P.C.O.T. an neuen Produkten und Technologien forschten und sie als Prototypen herstellten, diese Produkte ohne großen Widerstand in den Häusern und Wohnungen der Stadt installieren konnten.

Weiterhin wollte Walt, dass sich die Bewohner der Stadt in ihrem Alltag auch immer an der Weiterentwicklung der Stadt beteiligen. Zudem war es ihm wichtig, dass die Stadt sauber und für Besucher angenehm blieb. Das sollte dadurch verfestigt werden, dass kein Bewohner Grundstücke oder Wohneinheiten käuflich erwerben, sondern immer nur mieten könnte. Er wollte ebenfalls die Entstehung von Slums und Ghettos verhindern, indem er keine arbeitslosen Bewohner (einschließlich Rentner!) in E.P.C.O.T. duldete. Um jene ‚Regeln‘ durchsetzen zu können, brauchte er daher alle Zügel in seiner Hand. Weder ein gewähltes Stadtparlament noch Bürgermeister und schon gar nicht der Staat Florida sollte sich in die Geschicke der Disney World einmischen dürfen. Wobei, klar, Walt sich an viele gesetzliche Regelungen halten musste, und nicht willkürlich schalten und walten durfte.

Der Reedy Creek Improvement District

Karte des Areals Bay Lake
Karte des Areals Bay Lake

Die Walt Disney Company gründete nach einigen Verhandlungen mit dem Senat von Florida den Reedy Creek Improvement District. Dieser sollte sich fortan um Disney World als Stadtverwaltung kümmern. Im Übrigen existiert er immer noch und kümmert sich tatsächlich um unsere Walt Disney World. WDW ist aufgeteilt in zwei ‚Städte‘: Bay Lake und Lake Buena Vista.

Karte des Areals Lake Buena Vista
Karte des Areals Lake Buena Vista

Bay Lake bildet das gesamte Areal um Magic Kingdom, EPCOT, Hollywood Studios und Animal Kingdom; Lake Buena Vista umfasst Disney Springs und die Typhoon Lagoon sowie den Hotel Boulevard, an dem viele Disney-Partner-Hotel anliegen. Die offizielle Anzahl permanenter Bewohner von Lake Buena Vista und Bay Lake summiert sich auf 52 Einheimische. Viele davon sind bei Reedy Creek in der Verwaltung selbst angestellt. Sie arbeiten sozusagen selbst in der ‚Regierung‘. Das lässt das Abhalten von Wahlen, die trotzdem gesetzlich vorgeschrieben sind, ein wenig lächerlich erscheinen. Aber nun gut, Gesetz ist Gesetz. Nachdem der Reedy Creek Improvement District offiziell gegründet wurde, durfte man nun anfangen, typische kommunale Verwaltungsaktivitäten aufzunehmen. Die Installierung einer eigenen Wasser- und Energieversorgungsinstituts, einer Organisation zur Müllentsorgung, einer eigenen Feuerwehr und Polizei. 

Abkehr von Walts Plänen für E.P.C.O.T.

Jetzt könnte es ja alles eigentlich richtig losgehen, oder? Leider nicht. Wie schon in meinem Artikel über Mineral King dargelegt, war das Ableben von Walt der Grund, warum E.P.C.O.T. nicht in die Tat umgesetzt wurde. Bis Anfang der 70er Jahre wurde noch daran festgehalten. Auch der innere Kreis von WED, der an dem Projekt gearbeitet hatte (u. a. Marvin Davis, John Hench, Marty Sklar und Rolly Crump), war immer noch damit beschäftigt zu überlegen, wie man das eine oder andere umsetzen könnte. Aber Ereignisse wie die Ölkrise von 1973 und sinkende Umsätze bei der Walt Disney Company machten bald klar, dass man E.P.C.O.T., so wie Walt es sich vorgestellt hatte, nicht realisieren könnte. Die Firmen, die man als möglichen Sponsoren ansprach, winkten ab. Zu groß das Misstrauen den Konkurrenten gegenüber, Stichwort: „Industriespionage“.

Mehrere Männer in Anzügen fotografiert beim Spatenstich für das Epcot Center
Fotografie des Spatenstichs für den Bau des Epcot Centers

Doch was kam stattdessen? „EPCOT Center“ war die logische Folgerung. Disney kannte sich mittlerweile mit dem Bau und Ausstattung von Themenparks aus, also warum nicht einen zweiten Themenpark im Sinne der Experimental Community of Tomorrow aufbauen? Die Umgestaltung von E.P.C.O.T. zu EPCOT Center begann. Ausgangspunkt war dabei nach den oben genannten schwierigen wirtschaftlichen Umständen innerhalb der Firma und der erfolglosen Suche nach Sponsoren, die das Projekt unterstützen würden, die Entscheidung der oberen ‚Heeresleitung‘ um Ron Miller (dem Ehemann von Diane Disney-Miller) und Card Walker, Walts letzte Vision wieder in den Schrank zu stellen.

Aus E.P.C.O.T. wird EPCOT Center

Fotoaufnahme mehrerer Disney Imagineers beim Diskutieren über die Pläne für das Epcot Center
Disney Imagineers bei der Arbeit am Masterplan für das Epcot Center

Zum Projektleiter von EPCOT Center wurde Marty Sklar ernannt. Sklar hatte nun mit einer Reihe von erfahrenen und jungen, aufstrebenden Imagineers die Aufgabe, Walts Stadt in einen Themenpark umzuwandeln. Zu den jungen Imagineers zählten unter anderem John Hench, Marc Davis, Rolly Crump, Tom Fitzgerald und Tony Baxter. Viele Konzepte wurden diskutiert, modelliert und wieder verworfen. Schließlich kam man zu dem heutigen Layout von ‚zwei Parks in einem‘. Dabei widmet sich Future World der Entwicklung des menschlichen und technologischen Fortschritts in verschiedenen Bereichen. Im Zentrum stehen Kommunikation, Innovation, Meeresbiologie, Ökologie und Landwirtschaft, Mobilität, Energieversorgung, Medizin und menschlicher Körper sowie Vorstellungskraft und Fantasiebegabung. Im Gegensatz dazu nimmt das World Showcase die kulturelle Vielfalt unserer Welt in den Blick, feiert diese und stellt sie in den Mittelpunkt.

Welche Zukunft erwartet Epcot?

Eine Konzeptzeichnung zeigt den umgestalteten Eingangsbereich Epcots
Konzeptzeichnung für die aktuelle Umgestaltung Epcots

Jetzt stehen wir wieder vor einer großen Veränderung des EPCOT-Themenparks, denn Future World hat sich schon seit einiger Zeit selbst überlebt und wird neu strukturiert, wie auch hier und hier schon berichtet wurde. Ob wir je wieder etwas von der utopischen Stadt E.P.C.O.T. hören werden? Wir wissen, dass in naher Zukunft eine komplette Umorientierung unserer Lebensweise notwendig wird. Vielleicht wäre es also gar nicht schlecht, wenn dieses Konzept einer Stadt der Zukunft wieder aus den Regalen geholt wird, damit sich Städteplaner hieran ein Beispiel nehmen können. Auch die Frage, wie eine Stadt ohne Autos funktionieren könnte, wäre damit vielleicht zu beantworten.

Hätte E.P.C.O.T. jemals gebaut werden können?

Es stellt sich ja in Hinblick darauf auch die große Frage, ob E.P.C.O.T. jemals in der Realität hätte bestehen können. Dazu gibt es eine Talkrunde, mit Herren, die sich sehr intensiv mit E.P.C.O.T. und Walt Disney beschäftigt haben. Sie ist recht lang mit knapp über eine Stunde, aber vielleicht wollt Ihr sie Euch ja dennoch anschauen:

Auch der Youtuber Rob Plays, der sich ebenfalls sehr intensiv mit der Geschichte Disneys auseinandersetzt hat ein Video zu der Frage, ob E.P.C.O.T. als echte Stadt funktioniert hätte, gedreht. Dieses Video ist mit knapp neun Minuten weitaus kürzer:

Mein persönliches Fazit

Nun, das sind Meinungen und Argumente, die für und wider E.P.C.O.T. sprechen. Was ist mein Fazit? Ich hätte E.P.C.O.T. sehr gerne gesehen, ich hätte sie sehr gerne besucht. Ich bin auch der Meinung, dass die Stadt, hätte Walt noch zehn oder zwanzig Jahre länger gelebt und die Stadt umgesetzt, ein großer Erfolg geworden wäre. Auch wenn sie sich nach seinem Tod bis heute vermutlich auch extrem veränderte hätte. Ja, ich glaube daran, dass E.P.C.O.T. auch noch heute eine Stadt der Zukunft ist und ihre Modernität oder Aktualität nicht verloren hätte. Gerade jetzt, wo wir uns den großen Herausforderungen des Klimawandels stellen müssen, wäre E.P.C.O.T. an der Speerspitze für Pioniere, die Technologien und Architektur im Einklang mit der Natur und gleichzeitig des Komforts des modernen Lebens entwickeln.

Die Idee ist noch nicht gestorben. Ich glaube auch daran, dass – wie es bei Disney so ist – irgendjemand das Konzept wieder hervorzaubert und etwas ganz Großartiges damit anstellen wird. Allerdings glaube ich auch, dass die Verantwortlichen bei Disney nach Walts Ableben mit EPCOT Center das Beste aus den vorliegenden Plänen gemachten haben. Das Einzige, was bedauerlich ist, ist die Tatsache, dass sich Future World so schnell überlebt hat. Dadurch wurde es obsolet, was die momentanen großen Umwälzungen im Park zur Folge hat. Doch gleichzeitig bin ich zuversichtlich, dass Epcot mit den Neuerungen in ganz neuem Glanz erscheinen wird. Trotz allem, da bin ich mir sicher, wird im Herzen die gleiche Philosophie einer urbanen Utopie ganz im Sinne Walts beibehalten.

Bildquellen:
Konzeptzeichnung der ursprünglichen Idee für E.P.C.O.T.: Retro WDW

Karte des Areals Bay Lake: www.rcid.org
Karte des Areals Lake Buena Vista: www.rcid.org

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