Walt Disneys Pläne für das Leben der Zukunft

E.P.C.O.T. – Eine urbane Zukunft nach Walt Disney (Teil 2)

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Eine Konzeptzeichnung in Blautönen zeigt die ursprüngliche Idee für Epcot
Konzeptzeichnung der ursprünglichen Idee für E.P.C.O.T.

Nachdem wir in Teil 1 dieser Artikelreihe über die Anfänge von Walts Vision für E.P.C.O.T. gesprochen haben, werden wir in diesem Teil genauer auf die Details des Konzepts für E.P.C.O.T. eingehen. Seid Ihr schon gespannt? Dann lest jetzt weiter!

Walts Vision für E.P.C.O.T.

Grundriss für E.P.C.O.T. in Form eines altertümlichen Wagenrads
Plan aus der Vogelperspektive

Lasst uns zunächst reflektieren, was wir im Video am Ende des letzten Artikels gesehen haben. Ich gehe als erstes auf das Konzept E.P.C.O.T.s selbst ein. Danach erst arbeite ich ich mich zur Gesamtaufteilung von Disney World, wie es im Film beschrieben wurde, vor. Die Stadt selbst sollte in konzentrischen Kreisen aufgebaut sein. Das heißt, ihre einzelnen Bereiche werden vom Kern aus bis zu den Außengrenzen größer. Diagonal durchzogen wurde E.P.C.O.T. von den Transportwegen, sodass die Stadt einem altertümlichen Wagenrad ähnelte.

Im Herzen von Epcot

Eine farbenfrohe Konzeptzeichnung zeigt einen Teil des geplanten Einkaufszentrums für Epcot
Konzeptzeichnung für einen Teil des Einkaufszentrums

Im Zentrum von E.P.C.O.T. sollte das „Cosmopolitan Hotel and Convention Center“ stehen. Dabei handelte es sich den Plänen zufolge um einen 30-stöckigen Komplex, der als „Weenie“ für die Besucher diene. Um das Hotel herum erstreckt sich im ersten Kreis das kommerzielle Herz der Stadt. Einkaufsmöglichkeiten, Kinos, Theater und andere Zerstreuungsmöglichkeiten wären hier angesiedelt. Auch eine Art „World Showcase“ wurde geplant: Eine internationale Shopping- und Begegnungsstätten mit Personal aus den entsprechenden Ländern. Fast so, wie es heutzutage im EPCOT-Park ist, nur weniger weitläufig.

Dieser Kern, der sich am Fuße des Hotels auf einer relativ kleinen Fläche erstreckt, sollte ebenfalls komplett überdacht und mit Klimaanlagen ausgestattet sein. So sollte Sommers wie Winters eine Wohlfühltemperatur geschaffen werden, die es den Konsumenten einfacher macht, sich einem ausgiebigen Shopping-Erlebnis hinzugeben. Der nächste Kreis sollte aus vier- bis fünfstöckigen Apartmenthäusern mit mehreren Wohnungseinheiten für Singles, Paare und kleine Familien bestehen. Übrigens nicht mehr überdacht, obwohl das einige andere Blogs sowie Onlinemagazine misinterpretierten. Sie behaupten, ganz E.P.C.O.T. solle unter einer Art Glaskuppel ‚verschwinden‘. Diesen Irrtum hat Marty Sklar in einem Interview mit der Webseite „The Original E.P.C.O.T“ aufgeklärt.

Dahinter sollte der Grüngürtel liegen. Ein Ort, an dem Schulen, Museen, Schulungszentren, Kirchen (aller Religionen!), Sportplätze, Wanderwege und etliche weitere Optionen zur Erholung vom Arbeitsalltag oder zur Weiterbildung geboten worden wären. Als letztes käme der Bereich mit den Ein- bis Zweifamilienhäusern als ruhiges Wohngebiet. Nachbarschaften wären direkt an den Transportwegen gelegen und ebenfalls diagonal ausgerichtet, sodass sie wie die Blütenblätter eines Gänseblümchens gewirkt hätten.

Keine Straßen in der Experimental Community

Eine Konzeptzeichnung zeigt die Pläne für das großzügige Transportation Center für Epcot
Konzeptzeichnung für das Transportation Center von Epcot

Ihr habt sicherlich bemerkt, wie ich das Wort „Straße“ ganz bewusst gemieden habe. Die Erklärung dafür folgt nun, denn Straßen im herkömmlichen Sinne sollte es in der Stadt nicht geben. Das ist einer der spannenden Aspekte der Experimental Community. Denn sie war nicht nur in konzentrischen Kreisen, sondern auch in drei vertikalen Ebenen gedacht. Die erste Ebene oder das ‚Erdgeschoss‘ ist die Stadt selbst. Innerhalb ihrer Grenzen sollte es keinen Autoverkehr geben, oder wie Walt sagte „the pedestrian is king“. Es gäbe nur den öffentlichen Nahverkehr in Form von PeopleMovern für kurze Strecken, zum Beispiel von den Wohngebieten ins Stadtzentrum. Alternativ wäre für längere Strecken die Monorail zum Einsatz gekommen, zum Beispiel von E.P.C.O.T. aus in Richtung des ebenfalls geplanten Industrieparks, zum Magic Kingdom oder zum Disney World eigenen Flughafen. Die Transportlobby, die sich am Fuße des Hotels befinden sollte, hätte dabei als eine Art Hauptbahnhof gedient.

Die verschiedenen Ebenen von E.P.C.O.T.

Das erste Untergeschoss von E.P.C.O.T. wäre für den PKW-Verkehr bestimmt und von einem großen Parkplatz gesäumt gewesen. Aufzüge hätten die Oberstadt mit diesem Parkplatz verbunden. Die Autos hätten sich hier auch ausschließlich in einem Kreisverkehr bewegt. So wären weder Staus durch Ampelschaltungen oder größere Unfälle durch unübersichtliche Kreuzungen entstanden. Die dritte Ebene und somit das zweite Untergeschoss wäre ausschließlich für Nutzfahrzeuge (Transporter und LKW) gedacht gewesen. Diese sollten allerlei Güter anliefern und Müll oder Hotelwäsche abholen. Für Disney war es wichtig, dass sich diese ‚Dreckarbeit‘ nicht vor den Augen der Bewohner und Gäste abspielten. Wie beim Film sollten solche Tätigkeiten im Backstagebereich, hier eben unter der Erde, vollführt werden. Alles andere, was sozusagen die Action bildet, sollte dann im Onstage-Bereich geschehen.

Damit sollte für Bewohner und Gäste auch Sicherheit suggeriert werden. Sie sollten weniger Angst haben, beim Flanieren in einen lebensgefährlichen Unfall mit einem Auto verwickelt zu werden. Auch das hatte Walt bedacht, denn genau darum machte er sich ebenfalls große Gedanken. Gerade in Hinsicht auf seine vielen Enkel war er besorgt. Diese wurden nämlich in einer von Automobilen beherrschten Umwelt groß und die Meldungen zu Verkehrstoten häuften sich immer mehr.

Ein futuristischer Flughafen für Disney World

Planungsskizzen für einen Flughafen auf dem Walt Disney World Gelände
Planungsskizzen für einen Flughafen

Soweit zur experimentellen Gemeinde selbst. Neben ihr sollte am südlichen Ende des Disney-World-Areals ein futuristischer Flughafen entstehen. Obwohl weder im Film noch später viel zum Flughafen bekannt wurde, gibt es doch ein Konzept, welches hier durchaus zum Rest von E.P.C.O.T gut gepasst hätte. Die Rede ist vom  „Endless Runway“-Airport. Dieser wurde der allerdings erst 2017 vom niederländischen Luft- und Raumfahrtzentrum konzipiert, also weit nach E.P.C.O.T. Doch die Idee ist fantastisch! Ein kreisrunder Flughafen, in der Mitte das Terminal und darum liegend eine einzige Start- und Landebahn. Auf dieser könnten gleichzeitig vier Flugzeuge immer gegen den Wind starten und landen.

Das wäre der perfekte Flughafen für E.P.C.O.T. gewesen. Wer weiß, vielleicht hätte Disney mit der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA und möglicherweise auch der NASA einen entsprechenden Entwurf gestaltet? Wobei das jetzt reine Auswüchse meiner Spekulation sind und ins Reich der Fantasie gehören. Zumindest lässt ein Ausschnitt aus dem „Disney World Masterplan“ es vermuten.

Das Welcome Center

Wieder zurück zum eigentlichen Thema. Kurz hinter dem Disney-World-Flughafen sollte das „Welcome Center“ entstehen. Ein Begrüßungszentrum, eingerahmt von vier Motels, in denen Ankommende ihre müden Häupter auf sanften Betten zur Ruhe legen könnte. Da jeder Besucher zuerst dorthin geleitet würde, bevor er weiterreisen dürfe, hat das Welcome Center seinen Namen auch wirklich verdient. Wer jetzt allerdings die Vorstellung von grimmigen Einreise-Beamten vor dem inneren Auge hat, der irrt. Denn bei Disney gäbe es keine unfreundlichen Mitarbeiter, sondern hilfsbereite Gastgeber. Diese würden die Besucher in Empfang nehmen, gemeinsam mit ihnen ihren Aufenthalt planten und wichtige Tipps und Tricks erklärten.

Industrie- und Technologiefirmen rund um Epcot

Luftaufnahme eines typischen Industrieparks für das Walt Disney World-Areal in Schwarz-Weiß
Luftaufnahme eines geplanten Industrieparks

Von hier aus könnten die Gäste dann per Monorail oder Auto an ihr Ziel weiterfahren. Neben E.P.C.O.T. entstünde der von mir, in Ermanglung eines passenden Synonyms, ‚Industriepark‘ getaufte Bereich. Ebenfalls in mehreren Kreisen aufgebaut, sollten sich hier große Industrie- und Technologiefirmen ansiedeln. Diese sollten gemeinsam mit der Walt Disney Company und deren Angestellten an der technologischen Zukunft und futuristischen Produkten aus den Sortimenten Haushaltsgeräte, Mobiliar, Unterhaltungselektronik, Energieversorgung, etc. forschen und sie dem Publikum vorzustellen. Denn auch dies gehörte zum Plan.

Konzeptzeichnung für ein Industriepark-Showcase

Die Besucher E.P.C.O.T.s sollten daher die Option erhalten, in diesem Industriepark Führungen zu buchen. So sollten sie die Forschungsergebnisse persönlich in Augenschein nehmen können. Quasi wie bei einer permanenten Messe oder Weltausstellung. Die Bewohner E.P.C.O.T.s hingegen würden diese Waren in ihren Häusern vorfinden, um sie auf Herz und Nieren zu testen. Damit hätten sich die Firmen im Prinzip die Qualitätsmanagement-Abteilung sparen können. Durch diese Testung in den Haushalten wären ihre Produkte direkt am lebenden Objekt auf Tauglichkeit geprüft worden.

Magic Kingdom sollte Touristen anlocken

Das war allerdings noch nicht alles. Denn auch für Disney World wurde nach langem Hin und Her eine Ostküsten-Variante von Disneylands Magic Kingdom geplant; und zwar ganz oben im nördlichen Westen des Areals. Warum? Nun, das Magic Kingdom wäre der große Anzugspunkt für die Touristen gewesen. Es hätte die Touristen damit auch zu allen anderen Wunder des Areals, im Besonderen E.P.C.O.T., gelockt. Zumindest hofften die Marketingstrategen darauf.

Das war es zunächst zur Blaupause der Disney World anno 1966. Von dieser sagte Walt Disney in seinem Informations- und, seien wir ehrlich, Reklamefilm auch nachdrücklich, dass sie sich bis zum endgültigen Baubeginn immer und immer wieder verändern würde, je nachdem, was eben machbar wäre. Er betonte allerdings genauso, dass die Grundidee und Philosophie hinter E.P.C.O.T. stets beibehalten werde. Sogar das Modell von E.P.C.O.T. war bereits in mühsamer Handarbeit von den Imagineers aufgestellt worden. À propos Modell: Zu diesem gibt es eine eigene Geschichte, die ich Euch aber erst im nächsten Teil der Artikelreihe kurz umreißen möchte.

Hier geht es weiter: Lest auch E.P.C.O.T. Eine urbane Zukunft nach Walt Disney Teil 3.

Bildquellen:
Konzeptzeichnung der ursprünglichen Idee für E.P.C.O.T.: Retro WDW

Vogelperspektive: Business Insider

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