Kinder zu Taschendiebstählen in Disneyland Paris gezwungen? Mehrere Familienmitglieder vor Gericht
18.09.26, 18:41 |

Seit dem 15. September 2026 wird vor dem Pariser Strafgericht gegen Mitglieder des Hamidovic-Clans verhandelt. Angeklagt sind sieben Personen, vier Männer und drei Frauen. Die Nachrichtenagentur AFP berichtet, dass einer der Beschuldigten vor Prozessbeginn verstorben sei, und spricht deshalb von sechs Angeklagten; andere Medien nennen weiterhin sieben. Der Vorwurf: Sie sollen Dutzende Kinder systematisch zu Taschendiebstählen gezwungen haben. Zu den Tatorten gehörten nach Darstellung der Ermittler unter anderem Disneyland Paris, der RER-Bahnhof Marne-la-Vallée–Chessy und der Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle.
Die Angeklagten
Der 48-jährige Roberto Hamidovic und seine Ehefrau Lejla gelten laut Anklage als Köpfe des Netzwerks, ebenso zwei ihrer insgesamt 13 Kinder sowie Schwägerinnen von Roberto Hamidovic. Die Diebstähle wurden nach Darstellung der Ermittler von Kindern der Familie begangen, die alle unter 13 Jahre alt und damit strafrechtlich nicht verantwortlich waren, sowie von jungen Erwachsenen.
Kinder mussten an touristischen Zielen stehlen
Die justizielle Untersuchung wurde Ende 2022 eingeleitet, nachdem ein anonymer Hinweis auf ein Netzwerk von rund 50 Dieben bosnischer Herkunft eingegangen war. Über Zeugenaussagen und Videoüberwachung rekonstruierten die Ermittler die bevorzugten Orte, die Zielgruppen und das Vorgehen.
Die Kinder wurden demnach in Gruppen von sechs bis neun Personen zum Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle oder nach Disneyland Paris gebracht, dort insbesondere während der Parade und der Abendshows, sowie auf die RER-Bahnsteige in Marne-la-Vallée. Ein Mädchen wählte die Opfer aus, ein weiteres durchsuchte unter dem Vorwand einer mitgeführten Tasche deren Sachen, während die übrigen Wache hielten. Im Visier standen vor allem ausländische Touristen.
Laut dem Überweisungsbeschluss, den AFP einsehen konnte, nahm das Netzwerk durchschnittlich rund 25.000 Euro pro Tag ein. Die Beute mussten die Kinder nach der Rückkehr nach Paris an die Männer des Clans abgeben. Damit finanzierten diese nach Erkenntnissen der Ermittler einen aufwendigen Lebensstil mit Besuchen in Casinos, Hotels und gehobenen Restaurants; zudem besaßen sie zahlreiche Luxusfahrzeuge und Schmuck.
Gewalt und Drohungen gegen die Kinder
Laut Anklage wurden die Kinder mit Schlägen, Verbrennungen und sexueller Gewalt bedroht, um sie zu den Diebstählen zu zwingen. Mehrere von ihnen berichteten zudem von sexuellen Übergriffen.
Der Soziologe Olivier Peyroux, der zu Menschenhandel und der Ausbeutung Minderjähriger forscht, beschreibt gegenüber AFP den Kontrast zwischen dem Aufwand der Erwachsenen und den Lebensverhältnissen der Kinder: Diese zögen von Hotel zu Hotel und müssten zwingend eine bestimmte Tagessumme erbringen. Er ordnet die Taten nicht als Jugendkriminalität ein, sondern als Menschenhandel.
Die Angeklagten bestreiten die Vorwürfe
Die Beschuldigten haben die Vorwürfe in ihren Vernehmungen zurückgewiesen. Roberto Hamidovic gab an, vom Autohandel zu leben, andere Angeklagte erklärten, Diebstähle allenfalls auf eigene Rechnung begangen zu haben. Der Anwalt von Lejla Hamidovic, Simon Clémenceau, erklärte gegenüber AFP, seine Mandantin räume einen Teil der Diebstähle sowie die Geldwäsche ein, bestreite jedoch, Kinder zum Stehlen gezwungen zu haben, und weise auch die Gewaltvorwürfe zurück.
Betroffene Kinder beim Prozess nicht anwesend
Die betroffenen Kinder sind beim Prozess nicht anwesend. Wie 20 Minutes berichtet, verschwanden sie nach der Festnahme der Erwachsenen; auch Kinder, die zwischenzeitlich in Obhut genommen worden waren, liefen aus den Einrichtungen weg, in denen sie untergebracht waren. Ihre Interessen vertritt vor Gericht die Organisation MIST (Mission d’intervention et de sensibilisation contre la traite des êtres humains).
Eine inzwischen volljährige junge Frau hat sich dem Verfahren als Nebenklägerin angeschlossen. Sie war als Jugendliche mit einem Sohn von Roberto und Lejla Hamidovic verheiratet worden und ist die einzige mutmaßlich Betroffene, die im Prozess persönlich aussagt.
Familie bereits mehrfach vor Gericht
Der Hamidovic-Clan ist der französischen Justiz seit rund zwanzig Jahren bekannt. Vor Roberto Hamidovic führte dessen Onkel Fehim Hamidovic das Netzwerk, bis er 2013 zu zwölf Jahren Haft verurteilt wurde. Anschließend übernahm Mehmet Hamidovic, der 2025 wegen vergleichbarer Taten verurteilt wurde. Das Urteil wird für den 23. September oder kurz danach erwartet. Bis zum Urteil gilt für alle Angeklagten die Unschuldsvermutung.
Einordnung
Hinter den Taschendiebstählen stehen Kinder, die nach den Erkenntnissen der Ermittler selbst Opfer schwerer Ausbeutung und keineswegs Nutznießer sind. Bei aller berechtigten Sorge um gestohlene Wertsachen sollte das nicht in Vergessenheit geraten.
Quellen:
AFP: «C’est vraiment de la traite d’êtres humains»: un clan devant la justice pour avoir exploité des enfants pickpockets à Disneyland, veröffentlicht bei France 3 Paris Île-de-France, 14.09.2026
CNews: Traite d’êtres humains, vol en bande organisée… Le clan rom Hamidovic devant la justice ce mardi, 15.09.2026
Alle Links zuletzt abgerufen am 18.09.2026