Disney's nie gebauter Themenpark rund um die amerikanische Geschichte

Disney‘s America – Patriotismus à la Michael Eisner

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Eine Konzeptzeichnung zeigt Teile des nie gebauten Disney Parks mit dem Namen Disney's America
Konzeptzeichnung für den nie gebauten Themenpark „Disney’s America“

Disney und Amerika, Amerika und Disney. Fast werden diese beiden Ausdrücke schon synonym verwandt, so sehr ist die Firma und alles, was sie seit den 1920ern erschaffen hat, mit der amerikanischen Kultur verschmolzen. Dass daraus irgendwann der Gedanke entsprang, einen Themenpark rund um die amerikanische Geschichte zu bauen, schien nur konsequent. Doch statt begeistert aufgenommen zu werden, wurde das Vorhaben zu einem der größten Traumata in der Geschichte des Unternehmens. Wie es dazu kam, beleuchten wir in der heutigen Folge von „Disneys verschollene Attraktionen“.

Die Idee zu einem Disney Park rund um die Vereinigten Staaten von Amerika

Walt Disney ist zusammen mit einigen Mitarbeitern an der Animatronic Figur von Abraham Lincoln zu sehen
Animatronic-Figur von Abraham Lincoln

Walt Disney stand zeitlebens nicht nur für seine Errungenschaften und Innovationen im Bereich des Zeichentrickfilms oder für die Erschaffung eines familiengerechten Themenparks, der Erwachsene und Kinder gleichermaßen zu begeistern wusste. Nein, er stand auch für die Personifizierung des typischen amerikanischen Traums „vom Tellerwäscher zum Millionär“, eines vorbildlichen Unternehmers und Patrioten.

Walt Disneys Bewunderung für Abraham Lincoln

Walt Disney als Kind verkleidet als Abraham Lincoln
Walt verkleidet als Abraham Lincoln

Nicht umsonst hat er Disneyland in seiner Eröffnung „den Idealen, Träumen und harten Fakten, die Amerika entstehen ließen“ gewidmet. Er war daran interessiert, diesem Patriotismus Raum zu geben. Zum Beispiel hat er seiner Bewunderung für Abraham Lincoln nicht nur mit einem eigenen Animatronic samt dazugehöriger Show Ausdruck verliehen. Walt erzählte auch gerne die Anekdote, wie er sich in der Grundschule als Lincoln verkleidete und die berühmte Gettysburg-Rede so authentisch wiedergeben konnte, dass er damit von den Lehrern verpflichte wurde, eine ‚Tour‘ durch sämtliche Klassenräume zu unternehmen.

Eine Konzeptzeichnung zeigt die Idee für den Themenbereich Liberty Street
Konzeptzeichnung für die Liberty Street

Neben „Great Moments with Mr. Lincoln“ wollte Walt auch mit kleinen Themenbereichen innerhalb Disneylands wie der „Liberty Street“ Tribut an sein Amerika zollen. Die größte Anstrengung, die er hierfür auf sich nahm, war der für St. Louis geplante zweite Disney Park Riverfront Square. Diese sollte sich ausschließlich mit der Geschichte der Gegend rund um die Bundesstaaten Missouri und Louisiana beschäftigen. Dem Riverfront Square habe ich bereits einen kompletten Artikel gewidmet, den Ihr hier nachlesen könnt.

Eisner besinnt sich auf die Heimat

Da weder Liberty Street noch Riverfront Square das Licht der Welt erblickten, kumulierten diese Konzepte schließlich nach Walts Ableben im Liberty Square in Disney Worlds Magic Kingdom. Dieser Ort beheimatet nicht nur die Animatronic-Show The Hall of Presidents, sondern auch eine originalgetreue Replik der Liberty Bell. Diese berühmte Glocke kann man auch heute noch in Philadelphia besichtigen. Daher schien es nur logisch, dass sich die Firma Disney irgendwann wieder der Idee annahm, einen historischen Themenpark über die USA zu bauen. Dass sie jedoch damit auf reichlich Widerstand stoßen würden, war nahezu eine der größten Erschütterungen der Ära Eisner (mal von Disney’s California Adventure abgesehen, doch das ist eine andere Geschichte).

Von Disneyland Paris zurück in die USA

Das ursprüngliche Logo für Euro Disney
Logo für Euro Disney

Es begab sich also zu der Zeit, als Disneyland Paris (damals noch „Euro Disney“ genannt) kurz vor der Eröffnung stand. Damals zeichnete sich schon ab, dass der Bau des Parks mehr als das Doppelte der veranschlagten Kosten verschlungen hatte. Zudem wurde Euro Disney von der Bevölkerung Frankreichs mit wenig Gegenliebe empfangen. Dies lies sich an zahlreichen Demonstrationen, Protesten und sogar Eierwürfen bei Kundgebungen Eisners in Frankreich ablesen.

Drei Personen stehen im Freilichtmuseum Colonial Williamsburg vor einem Haus
Szene aus dem Freilichtmuseum Colonial Williamsburg

Frustriert von diesen Erfahrungen wandte sich Disney wieder dem heimischen Markt zu. Dick Nunis, ein Veteran der Disney Parks, schlug Eisner und Wells vor, einen kleineren, kostengünstigeren Themenpark zu bauen. In diesem sollte das Hauptaugenmerk auf der amerikanischen Geschichte liegen. Nunis selbst hatte sich vom einfachen Castmember in den Anfängen Disneylands zum Chef der Abteilung „Parks & Recreation“ (damals noch „Outdoor Recreation Division“) hochgearbeitet. Auf seinen Vorschlag hin besichtigte man das ‚lebende‘ Freilichtmuseum Colonial Williamsburg. In diesem repräsentieren Angestellte, wie Menschen in einer vergangenen Periode lebten. Dort wollte man sich Inspiration für das Vorhaben holen.

Die Planungsphase für Disney’s America beginnt

Das Projekt erhielt nach Prüfung durch die Abteilung für Unternehmensstrategie grünes Licht. Also setzten die Chefs von Disney Peter Rummel, seines Zeichen Leiter der Division „Design & Development“, sowie dessen Team an die Aufgabe, einen geeigneten Ort für diesen historisch thematisierten Park zu finden. Rummel befand, dass nur in der näheren Umgebung von Washington D.C. ein solcher Park die besten Bedingungen vorfinden würde. Denn laut Marktforschung hätten Touristen, die sich bereits in Washington aufhielten und die dortigen Sehenswürdigkeiten besuchten, eine hohe Bereitschaft danach auch ein Freilichtmuseum oder einen historischen Themenpark mit erlebbarer Geschichte anzusehen.

Plan für das Gelände des geplanten Parks Disney's America
Bauplan für Disney’s America

So begann man in typischer Disney Manier mit Hilfe von Scheinfirmen im Geheimen bebaubares Land bei Haymarket, ca. 35 Meilen entfernt von Washington D.C. gelegen, aufzukaufen. Zeitgleich wurde Bob Weis, der damalige Boss von Walt Disney Imageneering, beauftragt, diesen Park zu konzipieren. Was sein Team und er sich einfallen ließen, skizziere ich hier nun nach.

Die neun Bereiche von Disney’s America – Von den Gründerjahren bis zum Bürgerkrieg

Eine Karte zeigt eine Übersicht über den geplanten Park Disney's America und seine Bereiche
Karte für Disney’s America

Den Anfang macht wie in jedem Disney-Park eine Art Main Street U.S.A., hier „Crossroads“ genannt. Es soll eine aufstrebende Stadt im 19. Jahrhundert darstellen, die noch vor dem Bürgerkrieg steht. Es gibt kleine Läden und Restaurants, alle historisch korrekt dekoriert und ausgestattet. Ein In-Park-Hotel ähnlich dem Disneyland Hotel in Paris oder dem Grand Californian in Anaheim würde ebenfalls in diesem Bereich seinen Platz finden. Man hätte ebenso wie in jedem anderen Disney-Park eine Bahnfahrt unternehmen können, und zwar in einem Zug mit Dampflok. Der Hauptbahnhof hätte sich wie gewohnt direkt am Eingang zum Park befunden.

„President’s Square“ und „Native America“

Eine Konzeptzeichnung zeigt die Pläne für den Bereich der Crossroads in Disney's America
Konzeptzeichnung für die Crossroads

Nach dem Überqueren einer kleinen Brücke, unter der sich ein gurgelnder Bach erstreckte, wäre man rechter Hand zum „President’s Square“ gelangt. Architektonisch sollte dieser an die roten Ziegelhäuser New Englands zwischen den Jahren 1750 bis 1800 erinnernd. Dort würde die Geburt der Vereinigten Staaten mit einer weiteren Hall of Presidents, welche wir schon vom Liberty Square aus dem Magic Kingdom in Florida kennen, zelebriert.

Blick auf den für Disney's America geplanten President's Square
Konzeptzeichnung für den President’s Square

Von dort aus sollte der Weg zum Territorium „Native America“ führen. Dieses hätte uns in die Zeitspanne zwischen 1600 und 1810 gebracht. Dort hätten wir die authentische Lebensweise der eigentlichen ‚Amerikaner‘, also der indigenen Bevölkerung, näher kennenlernen können. Lehrreiche Informationen über das Leben im Einklang mit der Natur und ihr Kunsthandwerk sollten dem geneigten Besucher die vielfältige Geschichte von regionalen indigenen Gruppen wie den Powhatans erzählen.

Eine Konzeptzeichnung zeigt die Pläne für eine Wildwasserbahn in Disney's America
Konzeptzeichnung für Lewis & Clark’s River Expedition

Die schon für Disney’s Riverfront Square konzeptionierte Wildwasser-Rafting-Bahn „Lewis & Clark’s River Expedition“ würde in diesem Park seine Realisierung finden. Die Bahn indes hätte sich fast naturalistisch in das Bild eingefügt. Der dafür künstliche angelegte Fluss mündete in einen ebenso künstlich angelegten See, genannt Freedom Bay, der als Zentrum des gesamten Themenparks fungieren sollte.

Ein Themenbereich rund um die Zeit des Bürgerkriegs

Eine Konzeptzeichnung zeigt das geplante Civil War Fort in Disney's America Park
Konzeptzeichnung Civil War Fort

Im fünften Bereich des Park würde die Zeit des Bürgerkriegs (Jahre 1850 – 1870) wieder aufleben. Eine in den USA übliche Nachstellung einer Bürgerkriegsschlacht auf einem offenen Feld hätte genauso ihren Platz gefunden, wie auch ein originalgetreu rekonstruiertes Fort dieser Zeit, welches direkt an den Ufern des Sees läge. In dem Fort wäre neben einer Dauerausstellung zu der bislang größten Krise der USA vor der Corona-Pandemie auch ein 360-Grad-Film über diesen Krieg gezeigt, um die Gäste inmitten eine der Schlachten zu führen. Als Abendshow angedacht war eine Seeschlacht auf der Freedom Bay. Diese sollte einen Kampf zwischen den Schiffen „USS Monitor“ und „Merrimack“ zeigen.

Einwanderung, Unternehmertum und das Amerika der 1950er Jahre

Eine Zeichnung zeigt eine Idee für den Bereich We the people, der an New York und Ellis Island erinnern soll
Konzeptzeichnung We The People

Direkt gegenüber, auf der anderen Seite des Sees und links von Crossroads, befände sich der Bereich „We The People“. Eine Nachbildung der berühmten Ellis Island in der Bucht vor New York zwischen den Jahren 1870 und 1930 würde hier die Hochzeit der Immigration in die USA von den ersten Siedlern bis zu den politischen Verfolgten thematisieren und ehren. Es gäbe auch Raum, um die Konflikte der miteinander konkurrierenden Kulturen klar zu vermitteln. So sollte aufgezeigt werden, wie sie dazu beigetragen haben, die Vereinigten Staaten zu formen und zu stärken.

Ein Themenbereich rund um die industrielle Revolution

Eine Zeichnung skizziert den Bereich Enterprise rund um die industrielle Revolution für Disney's America
Konzeptzeichnung für den Bereich Enterprise

Einen schnellen Sprung über den Gehweg entfernt wartete im Bereich „Enterprise“ auch schon das Zeitalter der industriellen Revolution (ebenfalls 1870 – 1930). Der Nachbau einer Stadt des berühmten Rust Belts, welcher sich von Chicago über Detroit und Cincinnati bis nach Pittsburgh erstreckt, lehre die große Bedeutung der Fabriken für das Amerika des angehenden 20. Jahrhundert.

Konzeptzeichnung für eine Achterbahn namens Industrial Revolution im geplanten Disney's America Themenpark
Konzeptzeichnung für die Achterbahn Industrial Revolution

Es ist auch der einzige Bereich, der über einen echten Thrill-Ride verfügen sollte, nämlich die Achterbahn „Industrial Revolution“. Diese sollte die Gäste mit Highspeed durch die Räumlichkeiten einer Stahlschmelzerei inklusive vorbeirauschenden Hochöfen schicken.

Einblicke in die Zeit des Zweiten Weltkriegs mit „Victory Field“ und „State Fair“

Konzeptzeichnung eines militärischen Hangars
Konzeptzeichnung Victory Field

Angrenzend zu Enterprise und We The People beträte man in „Victory Field“ die Zeit um den zweiten Weltkrieg (1930 bis 1945). Hier würde ein militärischer Flugzeug-Hangar repliziert, um – wie die Werbebroschüre für Anrainer fabuliert – mit modernster Technologie die Erfahrungen eines Soldaten der Airforce erlebbar zu machen. Englischsprachige Onlinemagazine vermuten, dass es sich um einen VR-Simulator ähnlich Star Tours handeln sollte.

Konzeptzeichnung für den Bereich State Fair mit großer Achterbahn, Riesenrad und Karussell
Konzeptzeichnung State Fair

Für das gleiche Zeitalter hätte daneben mit Ausblick auf den See der „State Fair“ angesiedelt werden sollen. Dieser Bereich sollte an klassische Vergnügungsparks an den berühmten Boardwalks von Long Island oder entlang der kalifornischen Küste erinnern. Er verfügte den Konzeptzeichnungen nach über eine nostalgische weiße Achterbahn. Diese wäre zwar aus Stahl gebaut worden, doch sollte sie so aussehen als wäre sie aus Holz. Dazu sollten sich ein Riesenrad und, natürlich, ein Karussell gesellen.

Naturidylle auf der „Family Farm“

Konzeptzeichnung für einen Themenbereich für Disney's America im Farm-Stil
Konzeptzeichnung Family Farm

Zu guter Letzt hätte es noch den Bereich „Family Farm“ gegeben. Hier würde eine lebende Ausstellung rund um das Thema Landwirtschaft seine Zelte permanent aufschlagen. Dadurch sollten die Besucher mehr über diesen immens wichtigen Wirtschaftssektor erfahren können. Echte Tiere, echte Bauern – alle bereit, die Besucher über das Leben und Arbeiten auf einer Farm aufzuklären. Neben dem Hotel im Bereich Crossroads plante Disney ebenfalls einen Campingplatz. Dieser sollte rundreisenden Familien mit Wohnwagen einen Platz zur Übernachtung anbieten.

Anfängliche Begeisterung schlägt in harsche Kritik um

Im Gegensatz zu Disneyland und Disney World wurde Disney’s America bewusst als ein Ein-Tages-Park konzipiert. Dieser wollte sich an Touristen richten, welche sich gerade in der Gegend um Washington D. C. aufhielten. Er war auch weniger auf reine Unterhaltung ausgelegt, was man an den wenigen Attraktionen erkennt, sondern wollte sich der ernsthaften geschichtlichen Bildung widmen. Gerade als Disney mit dem Kauf der Landmasse für das Projekt fertig war, wurde auch schon in Zeitungen spekuliert, dass Disney hinter dem massiven Ankauf von Fläche stecken könnte – wie seinerzeit in Florida. Das brachte Eisner und Wells unter Druck, sodass sie sich verfrüht und unvorbereitet öffentlich zu diesem Projekt äußern mussten.

Also riefen sie schnellstmöglich die zuständigen Gouverneure George F. Allen und Douglas Wilder an und holten sich von ihnen die politische Unterstützung für den Themenpark ein. Am 11. November 1993 wurde eine Presskonferenz zusammen mit dem neuen Gouverneur Allen anberaumt. Dabei wurde das Konzept für den Park erstmals vor einem breiten Publikum vorgestellt. Zunächst erfuhr Disney von den Einwohnern, die in nächster Nähe zum Park lebten, ebenfalls große Unterstützung. Grund dafür war, dass die Gegend in der Rezession Anfang der Neunziger schwer getroffen wurde. So erhofften sich einige Einwohner einen wirtschaftlichen Aufschwung von dem Projekt. Als Beispiel sei hier ein Interview mit Larry King verlinkt, in dem Eisner im Jahre 1993 einerseits auf Euro Disney wie auch Disney’s America einging:

Doch auch die Stimmen gegen Disney’s America waren nicht leise. Zu Beginn konnte Frank Wells die Wogen mit seinem Talent für Public Relations noch glätten und damit die Unterstützer des Projekts gleichsam gegen die Opposition instrumentalisieren, doch nach seinem Unfalltod an Ostern im Jahre 1994 kippte die Stimmung.

Eisner steht allein auf weiter Flur

Michael Eisner, nun allein für die Disney Company verantwortlich, musste sich gleichzeitig an mehreren Baustellen beteiligen. Einerseits galt es, einen Nachfolger für Frank Wells finden. Andererseits musste er sich gegen Jeff Katzenburg behaupten, der Anspruch auf die Position Eisners erhob. Zudem verarbeitete Eisner natürlich auch seinen eigenen Kummer über den Tod des Freundes und Geschäftspartners, musste zeitgleich das finanzielle Desaster um Euro Disney kitten und sich schlussendlich der gegnerischen Stimmen zu Disney’s America erwehren.

Zunehmende Kritik erschwert die Arbeit an Disney’s America

Der Ton der Disney-Kritiker wurde unterdessen auch schärfer. Man warf der Firma vor, sie würde sich die Geschichte Amerikas aneignen und kommerzialisieren. Ein echtes historisch bedeutendes Schlachtfeld (Manassas) wurde nur wenige Kilometer vom geplanten Park selbst von einer nicht-gewerblichen Organisation betrieben. Dieses kämpfte um Besucher und die Befürchtungen wuchsen, dass Disney die zahlenden Gäste abwerben würde, was zu einem Verfall dieses Geländes führen könne.

Historiker von nahe gelegenen Universitäten beschwerten sich lautstark, dass Disney gar keine Expertise in der Aufarbeitung und Präsentation amerikanischer Geschichte hätte. Außerdem warfen sie Disney vor, sensible Themen wie den Bürgerkrieg oder die Sklaverei unzureichend und weichgespült darzustellen. Zudem waren sie schlichtweg nicht gefragt worden, ob sie sich als Berater an dem Projekt beteiligten könnten. Dies führte zu einer weiteren Welle der Entrüstung auch im Blätterwald der lokalen Zeitungen.

Die Fronten zwischen Disney und den Kritikern verhärten sich

Disney bat daraufhin namhafte Historiker von seriösen Instituten wie dem Washington Indian Leadership Forum, der Virginia Historical Society und zu guter Letzt dem Smithsonian Institute um Hilfe. Auch einer der damaligen Professoren für afro-amerikanische Geschichte an der George Washington Universität, James Horton, willigte ein, Disney bei der Umsetzung des Projekts beratend zur Seite zu stehen. Horten meinte dazu, er könne Disney nicht einerseits vorwerfen, was sie alles (falsch) machten, und ihnen dann, wenn sie um Hilfe baten, ebendiese verweigern.

Also wurde einerseits weiterhin geplant, diskutiert und gehofft, während auf der anderen Seite der Protest immer vehementer wurde. Auch Umweltaktivisten stiegen nun mit ein. Sie machten auf all die Eingriffe in die umliegende Natur aufmerksam, die Disney durch den Bau des Themenparks verursachen würde. Obwohl Disney, was diese Thematik betrifft, immer für einen umfassenden Ausgleich sorgte, konnten sie dies in jenem Fall nicht glaubwürdig genug ausdrücken.

Daneben waren nun auch die reichen Grundstück-Besitzer im westlich angrenzenden Hunt Country von Viriginia durch die Kontroverse aufgeschreckt und bangten um die Werte ihrer Ländereien. Das führt dazu, dass auch diese Klientel Disney das Leben schwer machten. Dazu finanzierten sie Kampagnen gegen den Bau von Disney’s America. Zu allem Unglück erlitt Eisner im gleichen Jahr einen Herzinfarkt, welcher dazu führte, dass er sich einer Bypass-Operation unterziehen musste.

Das endgültige Ende und die Wiederauferstehung

All diese kraftraubenden Ereignisse brachten ihn schließlich dazu, den Park Ende September desselben Jahres ganz abzusagen, auch wenn seine Imagineers mittlerweile an einem alternativen Konzept werkelten, das nicht mehr „Disney’s America“, sondern „Disney’s American Celebration“ heißen sollte, und sich auch nicht mehr mit der kontroversen Geschichte der Vereinigten Staaten widmete. Stattdessen wollte man die typisch amerikanischen Werte wie Familie, Arbeit, Freiheit und Co. in einer Form von Pavillons, wie wir sie aus EPCOTs Future World kennen, repräsentieren.

Alte Ideen, neue Attraktionen

Fotografie des Pixar Piers in Disney's California Adventure in Anaheim
Pixar Pier in Disney’s California Adventure

Doch wir kennen Disney und die Imagineers, denn sie lassen keine gute Idee in einem Giftschrank versauern. So haben sie einige Ideen für Disney’s America in einem anderen Park, nämlich in California Adventure, unterbringen können. Beispielweise der Bereich State Fair fand 2001 seine Entsprechung in DCA als „Paradise Pier“ und ist aktuell als „Pixar Pier“ bekannt. Die Wildwasserfahrt zu Lewis und Clark wurde umgewandelt und residiert als „Grizzly River Run“ im Bereich „Grizzly Peak“ ebenfalls im California Adventure. Der Bereich Victory Fields wurde umgewandelt in „Condor Flats“ und ebenfalls im zweiten Disney-Park in Anaheim integriert. Heutzutage ist Condor Flats als „Grizzly Peak Airfield“ bekannt. Die ominöse Attraktion, die mit modernster Technik in Disney’s America diesen Bereich ergänzt hätte, wurde dann in 2001 als „Soarin‘ Over California“ installiert und zeigte bis 2016/17 Kalifornien von oben. Danach wurde es zu „Soarin‘ around the World“.

Auch die Family Farm wurde unter dem Namen „Bountiful Valley Farms“ in Anaheim errichtet. Allerdings ist der Bereich, in dem sich die Farm befand, nämlich das „Bug’s Land“, auch schon wieder Geschichte und wird im Moment (2021) durch „The Avengers Campus“ ersetzt.

Wir werden vermutlich nie die Geschichte Amerikas durch die Disney-Brille sehen und auch nie einschätzen können, ob sie dabei gute Arbeit geleistet hätten. Doch Disney ist eine Firma, die das amerikanische Selbstverständnis seit den 1930er Jahren intensiv geprägt hat, und mittlerweile zur amerikanischen DNA gehört wie die Freiheitsstatue. Manchmal wünscht man sich sogar, dass die USA ein bisschen mehr wie Disney wären.

Bildquellen:
Konzeptzeichnung für den nie gebauten Themenpark „Disney’s America“: Richmond Times-Dispatch
Szene aus dem Freilichtmuseum Colonial Williamsburg: Joe Ross, Flickr
Bauplan für Disney’s America: Washington Post

Grizzly Peak Airfield: Touringplans
Grizzly Peak Soarin: Touringplans
Bountiful Valley Farm: TheDisneyBlog
A Bug’s Land: D23 Fanclub


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