Disneys nie gebauter Indoor-Freizeitpark

Disney’s Riverfront Square

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Blaupause für den doch nie gebauten Riverfront Square Indoor-Freizeitpark
Blaupause für den nie gebauten Riverfront Square Indoor-Freizeitpark

Nach der Eröffnung Disneylands wollte Walt eigentlich keinen weiteren Themenpark bauen. Lange Zeit glaubte man, dass erst für das Florida Project ein zweiter Disney-Park in Erwägung gezogen wurde. Doch eine im Jahr 2015 unerwartet aufgetauchte Blaupause, die bei einer Versteigerung für 27.000 Dollar in die Hände eines privaten Sammlers wanderte, verrät: Für die Stadt St. Louis, im Bundesstaat Missouri, hatte Walt den ersten und einzigen Indoor Disney Park konzipiert. Was hatte es damit auf sich? Warum wären ohne dieses geplante Unterfangen Attraktionen wie Pirates of the Carribean und Haunted Mansion möglicherweise nie in Disneyland eröffnet worden? All das sind Fragen, mit denen ich mich in meinem Artikel beschäftige, bleibt also dran!

Die Geschichte hinter der Idee

Walt Disney wurde nie müde zu erwähnen, wie sehr ihn die wenigen Jahre, die er mit seiner Familie in Marceline, Missouri, verbrachte, geprägt haben. Daher hatte er nicht nur für diese Stadt, welche mit der Main Street U.S.A. in diversen Disney-Parks repräsentiert wird, sondern für den ganzen Staat einen besonderen Platz in seinem Herzen reserviert. Es begab sich im Jahre 1963, dass die Stadt St. Louis, ebenfalls im Staat Missouri gelegen, für die anstehende 200-Jahr-Feier einiges an Um- und Neubauten plante. Damit wollten sie zum nahenden Jubiläum in einem entsprechenden Glanz erscheinen. Neben dem mittlerweile allseits bekannten „Gateway Arch“ und dem „Busch Memorial Stadium“ sollte ein neues Outdoor-Einkaufszentrum mit dem Titel „Riverfront Square“ zum Flanieren, Einkaufen, Dinieren und Unterhalten-Werden einladen. Gleich zwei Kinos waren angedacht, wovon eines speziell für 360-Grad-Filme gestaltet werden sollte.

Der Riverfront Square

Die Walt Disney Company war für ihre Erfindung des 360-Grad-Films bekannt . Dieser erfreute sich steigender Beliebtheit und wurde vor allem auf unterschiedlichen Welt-Ausstellungen von Unternehmen oder Ländern zu Image-Pflege genutzt. Daher kamen Verantwortliche für die Gestaltung des Riverfront Squares auf das Unternehmen zu, um bei Walt direkt um einen passenden Film für das oben erwähnte 360°-Theater zu bitten. Walt ließ sich das Ganze nach dem Treffen im März 1963 einige Zeit im Kopf herum gehen. Letztlich entschied er, dass nur ein Film nicht genug für ihn sei. Wenn schon, dann wollte er sich vollumfänglich des Riverfront Squares annehmen und mit der Expertise seiner Imagineers zu einem unvergesslichen Erlebnis ausbauen. Zumal er zu diesem Zeitpunkt auch schon in das Thema Stadtplanung eingestiegen war, um seine nächste große Vision einer „Stadt von Morgen“ Realität werden zu lassen.

Eine Zeichnung im Karikatur-Stil zeigt Mickey Mouse, wie er einen Blick auf St. Louis wirft
Comic / Karikatur aus dem Jahr 1963

Das St-Louis-Projekt könnte eine erste Spielwiese und ein passendes Experiment genau dafür darstellen. Daher setzte er auf seine ‚Geheimwaffe‘ Harrison „Buzz“ Prize ein. Buzz war ein Grundstück-Analyst, der für Walt schon eine Machbarkeitsstudie zum perfekten Disneyland-Standort durchführte. Für dieses Projekt ließ Walt von Buzz prüfen, ob der Riverfront Square in St. Louis ein rentabler Ort für ein Einkaufszentrum, respektive einen möglichen Themenpark-Komplex, sei. Buzz wiederum beorderte einen seiner Mitarbeiter den Riverfront Square zu analysieren, welcher zu einem durchaus positiven Ergebnis kam. Als jenes an Walt überreicht wurde, entschloss er sich, mit Roy wieder nach St. Louis zu reisen, um vorzuschlagen, dass Disney sich selbst um die Ausgestaltung des gesamten Riverfront Square kümmern könnte.

Die „Blue-Sky-Phase“ des Riverfront Squares

Blaupause für den nie gebauten Riverfront Square Indoor-Freizeitpark

So begann also die „Blue-Sky-Phase“ von „Disney’s Riverfront Square“. Obwohl gleichzeitig ein Teil seiner Imagineers mit der Arbeit an Pavillons für die Weltausstellung 1964/65 in New York schwer beschäftigt waren und Walt ebenfalls auch schon seine Fühler nach Florida für Disney World ausstreckte, sollte der Riverfront Square in St. Louis auch noch konzeptioniert, gebaut und eröffnet werden. In einer Pressekonferenz im November 1963 mit Offiziellen der Stadt stellte er seine Pläne vor. Walt betonte seine Liebe für den Staat, dass er sich als Einheimischer fühle, und er nicht vorhabe, St. Louis zu disneyfizieren, sondern mit seinen Planungen der Stadt, dem Staat und deren Geschichte Respekt und Liebe ausdrücken möchte.

Attraktionen für den Riverfront Square

Eine farbenfrohe Konzeptzeichnung zeigt eine Gestaltungsidee für den Riverfront Square
Konzeptzeichnung für einen Bereich des Riverfront Squares

Also kein Disneyland in St. Louis? Soweit korrekt, denn obwohl auf den Blaupausen auch zwei typische Disneyland-Dark-Rides verzeichnet waren (Peter Pan und Schneewittchen, respektive Pinocchio), gehen Disney-Historiker wie Jim Korkis davon aus, dass es sich hierbei nur um Platzhalter gehandelt habe für Attraktionen, die noch nicht erarbeitet wurden. Andere Fahrgeschäfte und Attraktionen waren dagegen voll und ganz auf die Geschichte, Sagen und Legenden von St. Louis und Missouri gemünzt. Walt wollte nämlich nicht nur unterhalten und eine Touristenfalle entwickeln, sondern die Besucher auch bilden. Auf eine charmante, subtile Art, versteht sich. Als gutes Beispiel dient ein angedachtes Fahrgeschäft zu den Abenteuern von Lewis und Clark.

Kurzer Einschub: Lewis und Clark waren zwei Abgesandte des Präsidenten Thomas Jefferson, die auf einer Expedition gen Westen das noch unbekannte Land der USA erkundeten, da Jefferson die Vereinigten Staaten dahin expandieren wollte. Die Abenteuer, welche auf dieser Reise den beiden und ihren Gefolgsleuten widerfuhren, sollten also Gegenstand der Attraktion werden.

Weitere, nicht näher benannte Rides und Attraktionen sollten sich um die Sagengestalten Davy Crockett und Mike Fink drehen. Am wahrscheinlichsten dafür wären Boot-Fahrten ähnlich den Pirates of the Carribbean. À propos Pirates of the Carribean. Ich hatte eingangs erwähnt, dass ohne Riverfront Square weder diese Attraktion noch das Haunted Mansion jemals so entstanden wären, wie wir sie heute kennen. Dazu komme ich jetzt. Für das Disneyland Resort Anaheim waren bereits Pläne für zwei Durchlauf-Attraktionen mit den Themen Piraten und Geister auf den Weg gebracht, doch dank Riverfront Square nahmen sie noch mal eine neue Wendung. Eigentlich nahm nur Pirates of the Carribbean eine neue Wendung. Die St-Louis-Version vom Haunted Mansion sollte weiterhin nur zu Fuß genommen werden können.

Attraktionen im Riverfront Square als Vorlage für Pirates of the Caribbean?

Nun denn, es gab Konzepte für zwei unterschiedliche Bootsfahrten, die später in Pirates of the Caribbean zusammengeführt wurden. Die erste war rein auf eine Fahrt entlang des Mississippi bis zu den Bayous des louisanischen Sumpflandes mitsamt Alligatoren und anderen Wildtieren begrenzt. Der Clou des Ganzen: Das Boot würde anfangs einen Wasserfall hinunterfahren und zum Ende wieder hoch. Diese beiden Komponenten kennen wir heutzutage von ‚unseren‘ Piraten.

Die zweite Attraktion war rund um den legendären Piraten Jean Laffite geplant. Jean Lafitte floh als geborener Adeliger vor der Französischen Revolution zuerst nach Hispaniola, einer Insel, auf der sich Haiti und die Dominikanische Republik befinden, und dann – als es auch dort für Adelige ungemütlich wurde – nach New Orleans. In den karibischen Gewässern erbeutete er mitsamt 1.000 Mann und mehreren Kähnen von britischen, amerikanischen und spanischen Schiffen derart viel Geld und Geschmeide, dass er ein auf ihn ausgesetztes Kopfgeld einfach damit konterte, dass er auf den Gouverneur, der dafür verantwortlich war, einfach ein doppelt so hohes Kopfgeld auslobte. Die Gäste von Riverfront Square hätten also Jean Lafitte und seine Kompagnons beim Freibeuten und Feiern beobachtet.

Einteilung des Riverfront Squares

Doch halt, die hier beschriebenen Fahrgeschäfte beziehen sich aber nicht direkt auf St. Louis und Missouri, sondern auf New Orleans und Louisiana. Gut erkannt! Denn der Riverfront Square, so wie er von Disney erdacht wurde, sollte zweigeteilt sein. Eine Seite würde man voll und ganz nach dem St. Louis der Wende zum 20. Jahrhundert thematisieren, die andere nach New Orleans um 1850, der Zeit vor dem großen Bürgerkrieg.

Daher kommen also auch die speziell auf diese beiden Regionen ausgerichteten Attraktionen und Rides. Beim vorgeschlagenen Geisterhaus, das auch im New-Orleans-Bereich angesiedelt sein sollte, hätte man die Besucher mithilfe eines „Stretching Rooms“ nach unten befördert, um daraufhin durch das Gruselkabinett zu wandern. Der Grund für den Stretching Room und auch die Möglichkeit beim Bayou-Ride einen Wasserfall hinunter und dann wieder hinauf zufahren, liegt darin, wie der Riverfront-Square-Themenpark letztendlich hätte aufgebaut sein sollen. Zu Beginn ließ ich noch fallen, dass die Stadt St. Louis ein offenes Einkaufszentrum aus dem Grundstück machen wollte.

Riverfront Square als Indoor-Themenpark

Doch Disney schlug, nachdem die Firma sich die Rechte für die Ausgestaltung des Projekts gesichert hatte, vor, stattdessen einen Gebäudekomplex zu errichten, in dem die Gäste vor möglichen Wetterkapriolen geschützt ihren Tag im Park verbringen könnten; also der erste Indoor-Themenpark weltweit. Man stellte einen Gebäudekomplex vor, der zwei Straßenblöcke umfassen und fünf Stockwerke groß werden sollte. Eines der Stockwerke wollte man als Untergeschoss nutzen, da die Möglichkeit bestand, mindestens 34 Meter unter die Erde zu bauen. Jetzt wird klar, warum bei der Bayou-Fahrt wie auch beim Geisterhaus Effekte wie der Wasserfall und der Stretching Room eingesetzt werden konnten.

Alkohol im Riverfront Square?

Eine Konzeptzeichnung zeigt ein Gebäude im Bereich nur für Erwachsene
Konzeptzeichnung für den Erwachsenenbereich

Weiterhin sollte es in dem Komplex neben dem Unterhaltungsprogramm auch ein eigenes, abgeschlossenes Areal nur für Erwachsene geben. In diesen wären Restaurants und Bars untergebracht worden, in denen Alkohol hätte ausgeschenkt werden dürfen. Dieser Kompromiss wurde Walt quasi durch harsche Kritik unter anderem vom Erben der Anheuser-Busch-Brauerei August Busch Jr. aufgenötigt. Doch dadurch konnte er einerseits die Wünsche derjenigen berücksichtigen, die den Ausschank von alkoholischen Getränken befürworteten, und andererseits seine eigene Vorstellung, dass Alkohol in einem Themenpark nichts zu suchen habe, aufrechterhalten, denn der Themenparkbereich war vom Bar-Bereich strikt getrennt.

Zwar konnten Erwachsene beide Seiten besuchen und auch vom einen zum anderen wechseln, doch die Mitnahme von Bier, Wein, Cocktails, etc. in die Unterhaltungsebene war streng untersagt. Es gibt die Legende, dass Walt sich nach der geäußerten Kritik zum Thema Alkohol brüskiert vom Projekt abgewandt. Stattdessen ging er auf die Suche nach einem anderen Standort, der seine Anti-Alkohol-Haltung akzeptieren würde, was uns letztendlich Walt Disney World bescherte. Doch Legenden sind und bleiben Legenden, herbei geschwurbelt meist aus Unwissenheit und langen Nächten des Theorisierens und Hypothesen-Aufstellens.  Jedoch, es war in Wahrheit vielmehr so, dass Walt beide Projekte parallel verfolgte und daran glaubte, dass man beides gleichermaßen stemmen könne.

Das wurde aus den Plänen

Allerdings hat uns die Geschichte gelehrt, dass es eben meisten anders kommt als man denkt. Um es relativ kurz zu halten, warum man den Riverfront Square letztlich doch nicht baute: Geld. Leider eine schnöde Wahrheit, doch die einzig richtige. Es ging darum, wer denn für welche Art von Baukosten verantwortlich sei. Für Disney war es klar, dass die Stadt St. Louis ein fertiges Gebäude samt Parkmöglichkeiten und Innenausbau bereitstellt und Disney sich dann nur noch um die Einrichtung, die Fahrgeschäfte und die anderen Attraktionen kümmern würden.

St. Louis sah das allerdings anders und es entbrannte eine heftige Auseinandersetzung, an deren Ende dann die Absage Disneys an St. Louis und Einmottung aller Pläne zum Riverfront Square stand. Stattdessen wurden im Disneyland Resort Anaheim zwei phänomenale Attraktionen gebaut, die in jedem nachfolgenden Disney-Park zum Standard-Repertoire gehören. Dass man sie letztlich im kalifornischen Disneyland in einen Bereich integrierte, den man als „New Orleans Square“ kennt, scheint mir nach meinen Ausführungen kein Zufall zu sein.

Bildquellen:
Comic / Karikatur aus dem Jahr 1963: Disney History Institute

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